Kommentar – Neunter November, Reichspogromnacht

Synagoge MainzKommentar

Neunter November: Reichspogromnacht

Mainz, 09.11.11. hpt. Die Reichsprogromnacht am 9. November 1938 war der erste Kulminationspunkt der seit der Machterschleichung der NSDAP begonnenen Verfolgung Deutscher jüdischen Glaubens oder solcher, deren Vorfahren diesen Glauben einmal hatten. Die Reichspogromnacht war zugleich der Auftakt der Ermordung von mehreren Millionen Juden in ganz Europa.

Ein Massenmord, der industrielle Ausmaße annahm. Mit einher mit der Judenverfolgung und -ermordung ging der Einzug des Vermögens dieser deutschen Mitbürger. Geschäfte wurden „arisiert“, was auch bekannte Marken, wie Camelia Damenbinden, betraf. Diese Papierwerke legten den Grundstein für das spätere Schickedanz-Imperium. Auch andere sogenannte „Wirtschaftswunderhelden“ wären ohne den Arisierungsprofit in den 30er Jahren nicht möglich gewesen. Die Guthaben und Wertgegenstände der Verfolgten und Ermordeten fielen direkt dem Staat , der gigantische Summen für die Kriegsvorbereitung brauchte, zu. Später wurden den schon längst mittellosen KZ-Insassen das Zahngold ausgebrochen. Haushaltsgegenstände und Garderobe, wie z.B. Pelzmäntel, wurden meistbietend versteigert.

Der Rassenwahn der Nationalsozialisten legte die theoretische Grundlage des größten Verbrechens an der Menschheit im vergangenen Jahrhundert. Eine große Triebfeder war aber auch das Gewinnstreben sowohl der einzelnen deutschen Bürger, der deutschen Unternehmen und nicht zuletzt des Staates.

Der Judenhass räumte auch Karrieretreppen in den Universitäten und Unternehmen für durchaus mittelmäßige Wissenschaftler und Angestellte frei. Diejenigen, die ihnen im Weg gestanden hatten und das Fortkommen blockierten, gingen ins Exil oder wurden ermordet. Für die Wissenschaft in Deutschland war dies ein großer Verlust und eine große Qualitätsminderung.

Die Vertreibung und Ermordung der deutschen jüdischen Glaubens erbrachte für Deutschland bis heute einen großen Verlust. Im Bereich der Wissenschaft, der Bildenden Kunst, der Belletristik, dem Theater – um nur einige Bereiche zu nennen – ist Deutschland bis heute wesentlich ärmer geworden. Das bürgerschaftliche Engagement dieser Menschen, das sich in zahlreichen Stiftungen ausdrückte, ging verloren und eine Stiftungskultur in Deutschland entwickelte sich erst in den letzten Jahren.

Nach der Kapitulation des Großdeutschen Reiches sahen die aus den KZs befreiten Juden und diejenigen, die unentdeckt die dunkle Zeit überdauert hatten, kaum Neigungen, in Deutschland zu bleiben. Sie gingen entweder nach Israel oder versuchten in einem der Länder der Alliierten unterzukommen. Erst in den letzten zwanzig Jahren erstarkten die jüdischen Glaubensgemeinschaften in Deutschland wieder. Das geschah einmal durch den von der Regierung Kohl geförderten Zuzug von russischen Staatsbürgern jüdischen Glaubens, aber auch durch einen gewissen Zuzug von israelischen Staatsbürgern mit deutscher Identitätsempfingung aus Israel. Den kleinen jüdischen Glaubensgemeinschaften in Deutschland stellte sich die Aufgabe der Integration in die deutsche Gesellschaft und in den jüdischen Glauben, da die aus der ehemaligen UDSSR Zugezogenen aus einem säkularen Staat kamen.

Das Wachstum der jüdischen Glaubensgemeinschaften führte dazu, dass in Berlin, Frankfurt und München neue Gemeindezentren entstanden, Synagogen errichtet wurden, auch Bildungseinrichtungen entstanden, in Mainz wurde im vergangenen Jahr die neue Synagoge der jüdischen Gemeinde an alter Stelle in der Hindenburgstraße errichtet, in Speyer wird am heutigen Abend eine Synagoge und ein jüdisches Gemeindezentrum der Gemeinde übergeben. Sowohl in Mainz als auch in Speyer unterstrichen Bundespräsident Christian Wulff und Ministerpräsident Kurt Beck durch ihre aktive Teilnahme an der Feier die Bedeutung der Rückkehr jüdischen Religions- und Kulturlebens. Mit den Städten Mainz, Speyer und Worms waren auf dem Boden des heutigen Rheinland-Pfalz im Mittelalter drei große jüdische Gemeinden, deren Ausstrahlung ganz Europa erfasste, die zu Wissenschaftszentren wurden. Sehr, sehr Vieles aus dieser Zeit ist zerstört, Literatur unwiderbringlich verloren, und durch die europaweite Ausstrahlung dieser Gemeinden sind durchaus Abschriften von Texten des Mittelalters außerhalb Deutschlands zu finden gewesen. Die jüdischen Museen in Frankfurt und Berlin, die jüdische Bibliothek an der Universität Mainz, bewahren diese Schätze.

Die selbstbewusst auftretenden neuen jüdischen Gemeindezentren und Synagogen, die restaurierten jüdischen Stätten in Worms, machen durch die Art und Weise ihres Wiederentstehens und ihre Optik deutlich, dass der Standardspruch der Bundesbürger in den 50er und 60er Jahre: „Wir haben von alledem nichts gewusst“ eine reine Schutzbehauptung war. Das selbstbewusste Auftreten der jüdischen Glaubensgemeinschaften in der Bundesrepublik erinnert an das grausame Verbrechen, das an ihnen im deutschen Namen von 1933 bis 1945 begangen wurde. Nur wenige entkamen den Gaskammern und blieben ein Leben lang traumatisiert.

Die Erinnerung an das grausame Verbrechen, das an diesen Menschen begangen wurde, und das Bewusstsein des großen kulturellen Verlustes, den Deutschland dadurch erlitten hat, ist wichtig. Eine solche Erinnerung verhindert, dass das Volk sich wieder kollektiv durch Wegschauen oder Mitanpacken an der Entrechtung einer Minderheit beteiligt.

Es ist nie auszuschließen, dass wie auch in der Vergangenheit einzelne Attentate auf Moscheen oder Synagogen in Deutschland verübt werden. Es ist nie ganz auszuschließen, dass Angehörige von Minderheiten beschimpft und physisch bedroht werden. Dass dies aber auf Einzelfälle beschränkt bleibt, geht nur dann, wenn sich die Bevölkerung des Verbrechens zwischen 1933 und 1945 bewusst bleibt und diese Minderheiten in der Bundesrepublik selbstbewusst auftreten, kulturelle, gesellschaftliche und wirtschaftliche Teilhabe einfordern und sich gleichzeitig einbringen. In Rheinland-Pfalz wird schon lange eine Willkommenskultur gelebt; die

Landesregierung geht ohne Scheu auf die größeren und kleineren Gruppen der Bevölkerung, so unterschiedlich sie auch sein mögen, zu und unterstützt sie dabei, Widerstände und Ausgrenzung zu überwinden.

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