Potenziale statt Defizite – Sichtweise auf behinderte Fachkräfte muss sich ändern!

Berlin, 13.12.11 Die allgemein verbreitete Defizit-Sichtweise bei der
Beschäftigung behinderter Fachkräfte muss abgeschafft und durch eine
Potenzial-Sichtweise ersetzt werden.

Dies war das Fazit einer gemeinsamen Fachtagung der Interessenvertretung
Selbstbestimmt Leben in Deutschland (ISL) und des British Council
Deutschland
in Berlin.

Eine der Hauptreferentinnen des Fachgesprächs “Neue Wege in Zeiten des
Fachkräftemangels – Die Initiative Job-Win-Win” war Susan Scott-Parker.
Sie ist die
Gründerin und Geschäftsführerin des “Employers’ Forum on Disability”,
einem britischen Arbeitgebernetzwerk, das bereits seit 1986 erfolgreich
arbeitet
und derzeit 400 Mitglieder umfasst. Scott-Parker legte in
eindrucksvoller Weise dar, wie es seit Mitte der 90er Jahre in
Großbritannien zu einer Neuorientierung
auf dem Arbeitsmarkt für behinderte Menschen gekommen ist. Sie sprach
sich gegen eine generelle Beschäftigungsquote für Unternehmen aus, da
diese eine
medizinische Defizitsicht festschreibe. Nach Abschaffung der Quote sei
die Arbeitslosigkeit behinderter Menschen nicht gestiegen, vielmehr sei
es durch
einen Ansatz der “Guten Praxis” zu einer geänderten Einstellung der
Unternehmen gekommen. Diese seien durch Schulungen und praktische
Unterstützung zu
“in Behinderung kompetenten Unternehmen” geworden.

ISL-Geschäftsführerin Dr. Sigrid Arnade stellte anschließend die
Initiative Job-Win-Win” vor, die sich die Bildung eines
Mentoren-Netzwerkes zur Schaffung
von mehr Vielfalt in kleinen und mittleren Unternehmen, sogenannten
KMUs, zum Ziel gesetzt hat: “Unternehmen, die bereits gute Erfahrungen
mit der Einstellung
behinderter Kräfte gemacht haben, sollen andere Unternehmen davon
überzeugen, wie sinnvoll eine solche Personalpolitik ist”, betonte
Arnade. Sie sei jedoch
nicht der Ansicht, dass eine Abschaffung der Beschäftigungsquote
hilfreich sei.

Die Bedeutung eines Mentoren-Ansatzes wurde auch in der abschließenden
Talk-Runde deutlich: Dr. Peter Mozet vom Bundesministerium für Arbeit
und Soziales
führte aus, dass dieser Effekt am besten zu nutzen sei, wenn die
entsprechenden Unternehmensprofile gut zueinander passen.

Olaf Guttzeit, Vorsitzender des UnternehmensForum, hob ebenfalls hervor,
dass es wichtig sei, nicht auf angebliche Mängel der Arbeitskräfte zu
schauen,
die aufgrund einer Beeinträchtigung vorhanden sind, sondern die
Fähigkeiten zu betonen. Michael Heil, selbst rollstuhlnutzender
Geschäftsführer von Rehability,
stellte klar, dass es sich für Unternehmen rechnen müsse, behinderte
Fachkräfte einzustellen und appellierte an behinderte BewerberInnen,
sich selbstbewusst
mit ihren Fähigkeiten einzubringen.

“Meiner Meinung nach ist es am sinnvollsten, in einem ersten Schritt das
Sozialgesetzbuch III (SGB III) zur Arbeitsförderung zu ändern”, zog
Arnade eine
Bilanz der gut besuchten Veranstaltung in den Räumen des British Council
am Alexanderplatz. “Denn hier wird immer noch die Grundlage dafür
gelegt, dass
einstellungswillige Unternehmen zunächst ausführlich die Defizite ihrer
neuen Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter auflisten müsse, um einen
Eingliederungszuschuss
zu erhalten.” Auf diese Weise, so Arnade, werde den Unternehmen ein
falsches Bild von behinderten Beschäftigten vermittelt.

Die Initiative Job-Win-Win hat eine eigene Projektwebsite
http://www.job-win-win.de
und wird über das Bundesministerium für Arbeit und Soziales mit Mitteln
aus dem Ausgleichsfonds gefördert. Hintergrund der Initiative ist, dass
38.000
der 135.500 beschäftigungspflichtigen Betriebe, davon viele KMUs,
derzeit keinen einzigen schwerbehinderten Menschen beschäftigen.

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