70 Jahre Befreiung der Gefangenen des KZ Auschwitz

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Kommentar

Befreiung der Gefangenen des KZ Auschwitz

67-jähriges Gedenken

Mainz, 27.01.12 hpt. Heute vor 67 Jahren erreichte die Rote Armee das KZ Auschwitz. Die russischen Soldaten befreiten die wenigen Häftlinge, die das industrielle Vernichtungslager überlebten. Auschwitz war das größte, aber nicht das einzige KZ des selbsternannten Dritten Reiches. In Rheinland-Pfalz gab es das KZ Osthofen und das SS-Sonderlager KZ Hinzert. Diese KZs waren der Kulminationspunkt der Vernichtung des europäischen Judentums, wie es die Nazis auf der Wannseekonferenz 1941 beschlossen. Aber nicht nur Juden wurden dem industriellen Massenmord unterzogen; Sinti und Roma, Homosexuelle, geistig Behinderte und politische Gegner des Naziregimes wurden ebenfalls Opfer der Tötungsmaschinerie.

70 Jahre nach Befreiung der Gefangenen des KZ Auschwitz ist es für die Nachgeborenen völlig unverständlich, wie so etwas geschehen konnte. Vor wenigen Jahren nannte der in NS-Zeiten besonders erfolgreiche Sänger und Schauspieler Johannes Heesters Hitler noch einen „prima Kerl“. Johannes Heesters starb mit 108 Jahren. In den KZs wurden auch Kinder ermordet…

Ich bin in der Nachkriegszeit geboren, erinnere mich noch an die Trümmer in Mainz und an die Nachbarn, die sagten: „Hitler hatte auch was Gutes, er hat die Autobahnen gebaut“. Viel mehr vom Naziregime wurde nicht erzählt, außer bei uns zu Hause. Meine Eltern erzählten, dass sie sehr wohl mitbekommen hätten, wie die Juden immer mehr ausgegrenzt wurden, in das Exil getrieben oder immer mehr entrechtet wurden. Sie hatten, wie viele andere Deutsche auch, die Deportationen mitbekommen und von Soldaten auf Heimaturlaub später von den KZs gehört.

Nun waren meine Eltern nicht mit hellseherischen Gaben behaftet, es hätten die meisten derjenigen mitbekommen müssen, die nach dem Krieg behaupteten „Wir haben von all dem nichts gewusst“. Natürlich hatten sie es mitbekommen: wie 1933 schon viele jüdische Akademiker und Künstler entlassen wurden. Wie Menschen jüdischen Glaubens oder jüdischer Abstammung aus den Firmen verschwanden. Bald gab es die Nürnberger Rassengesetze, musste der gelbe Stern getragen werden und renommierte Kurorte wurden mit dem Signet „judenfrei“ versehen. Die Reichspogromnacht haben alle Deutschen mitbekommen. Sie haben auch mitbekommen, wie Juden ihre Wohnungen verlassen mussten, sie mitten in der Stadt, beispielsweise in Mainz in der Gaustraße oder der Goetheschule, in Kellern gesammelt wurden und dann nachts zum Bahnhof getrieben und in Güterwaggons abtransportiert wurden. Später, in den 80er Jahren, hörte ich dann von den schon wenigen Zeitzeugen zu jener Zeit, dass man auch von den KZs gehört hatte, sich aber das Ausmaß nicht hätte vorstellen können.

Die Verfolgung und Vernichtung der Juden, Sinti und Roma, behinderten Menschen, Homosexuellen und politischen Gegner fand sehr offen statt. Aber niemand wollte etwas gewusst haben, und in den Adenauerjahren der jungen Bundesrepublik fanden viele alte Nazis wieder zu Ämtern und Würden bis in das Bundeskanzleramt hinein.

Eine kollektive Amnesie schien das Land befallen zu haben. Selbst dass Deutschland mit dem Bombenkrieg begonnen hatte, wurde verdrängt. Aber Hitler hatte die Autobahnen gebaut. Begonnen wurden sie schon in der Weimarer Republik, das wurde aber ausgeblendet…

Der Boden der Verdrängung war fruchtbar für neuen Antisemitismus und Nationalismus, wie er viele Deutsche erfasste. Die FDP in den fünfziger Jahren und frühen 60er Jahren warb mit dem Reichsadler auf ihren Wahlplakaten. Viele Nazis waren in der FDP untergeschlüpft.

Ja und heute, 70 Jahre danach? In Rheinland-Pfalz und anderswo sind wieder jüdische Synagogen entstanden. Eine Minderheit gewaltbereiter Neonazis begeht Gewalttaten, eine neonazistische Mörderbande wurde erst nach über einem Jahrzehnt, mindestens 10 Morden in der ganzen Bundesrepublik und zahlreichen Banküberfällen enttarnt. Der Bundestag hat einen Untersuchungsausschuss zum Versagen des Verfassungsschutzes und der Landeskriminalämter sowie des BKA eingesetzt, der heute erstmals tagt. Der deutsche Bundestag und der rheinland-pfälzische Landtag halten heute Gedenkstunden zur Erinnerung an die Opfer des Naziregimes ab. Diesen Gedenktag hatte erst Altbundespräsident Herzog eingeführt.

Über die 10 bekannten Morde hinaus gibt es zahlreiche rechtsradikale Morde und Anschläge, die bis heute ungeklärt sind, deren Täter nie gefasst wurden. Ist es wirklich undenkbar, dass sich wieder Neonazis des Staats und der Herzen der meisten seiner BürgerInnen bemächtigen? Nein, es ist nicht undenkbar. Bert Brecht hatte recht: „Der Schoß ist fruchtbar noch, aus dem das kroch“.

Wir dürfen das bis 1945 Geschehene und das heute Geschehende nicht verdrängen!

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