Andere Heimat entsteht im Hunsrück

Neuer Reitz-Film

Hunsrück-Ort als Kulisse

Mainz, 12.04.12 Hier ein modernes Haus mit Satellitenantenne, dort eine nachgebaute Scheune mit Strohdach. In dem Hunsrück-Ort Gehlweiler liegen 21. und 19. Jahrhundert derzeit dicht beisammen. Hier dreht Regisseur Edgar Reitz seinen Kinofilm „Die andere Heimat“.

Abrupt geht die asphaltierte Straße in einen verschlungenen Lehmpfad über. Die Stelle inmitten des 250-Einwohner-Ortes Gehlweiler im Rhein-Hunsrück-Kreis markiert einen Zeitensprung um 170 Jahre. Hier endet für die kommenden Monate die moderne Zivilisation und die Kulisse für den Kinofilm „Die andere Heimat“ von Regisseur Edgar Reitz beginnt. In monatelanger Arbeit ist ein ganzes Dorf aus dem Jahr 1842 rekonstruiert worden, in Sichtweite zu den normalen Wohnhäusern. Am 17. April starten die Dreharbeiten, bis Mitte August wird hier Ausnahmezustand herrschen.

Viel Aufwand wurde getrieben, seit Mitte Januar haben rund 50 Handwerker an der Kulisse gearbeitet. 15 Elektroleitungen wurden entfernt, für die Kostüme wurden Originalstoffe aus Hunsrücker Privatbeständen gesammelt. Es wurden Flachsfelder angelegt und Kühe trainiert, damit sie sich von Hand melken lassen und einen Wagen ziehen können. „Die Bauern hatten damals keine Pferde“, erklärt der in Morbach geborene Reitz. Heutige Kühe duldeten aber noch nicht einmal, angeleint zu werden. Daher sei ein Training mit den Tieren nötig gewesen. Die Hauptdarsteller – allesamt junge, noch unbekannte Schauspieler – pauken den regionalen Dialekt Hunsrücker Platt. Einige sind dafür seit Wochen bei Familien in der Gegend einquartiert, berichtet der 79-jährige Reitz. Die Kulisse in Gehlweiler besteht teilweise aus neu gebauten Styropor-Fassaden, teilweise wurden Fassaden auf bestehende Häuser aufgetragen. „Am schwierigsten war die Kirche“, sagt Toni Gerg, der für das Szenenbild zuständig ist. „Darunter steckt eine Garage.“

2013 soll der voraussichtlich 172 Minuten lange Film nach einem Drehbuch von Reitz und Gert Heidenreich in die Kinos kommen. Es ist die zeitlich vorgelagerte Fortsetzung der berühmten „Heimat“-Trilogie aus den Jahren 1984, 1992 und 2004. In diesem Epos schilderte Reitz die Schicksale einer Familie aus dem fiktiven Hunsrückdorf Schabbach und spannte einen Bogen vom Jahr 1919 bis zur Jahrtausendwende. „Die andere Heimat“, der erste Kinofilm, spielt nun drei Generationen vor dem ersten Teil und ist die Geschichte zweier Brüder. Einer will wegen Armut und Hungersnot nach Brasilien auswandern.

Archive und Museen der Region halfen den Filmemachern, mehr über die Lebensumstände der Bauern der damaligen Zeit zu erfahren. Denn ein Film über arme Menschen sei schwerer und teurer als einer über Reiche, sagt Reitz. Während Reiche ihre Lebensweise oft bewahrt hätten und Gebäude noch existierten, finde sich über das Leben eines einfachen Hunsrücker Bauern kaum mehr was. „Nicht einmal einen Schuh findet man noch“, sagt der 79-Jährige. Drehbuch-Mitautor Heidenreich pflichtet ihm bei: „Armut ist viel komplizierter.“

Weniger kompliziert war es, die Gehlweiler von dem Projekt zu überzeugen. Bürgermeister Kurt Assmann erinnert sich noch gut an das erste Treffen mit Reitz im März 2011. Spontan habe keiner was dagegen gehabt, im Herbst sei dann eine Bürgerversammlung abgehalten worden, um die Einwohner entscheiden zu lassen. „Wir wollten nicht Stuttgart 21 haben“, sagt er. „Nach kurzer Diskussion waren alle dafür.“

Mitwirken werden in dem Film auch Menschen aus der Region. Rund 1000 wurden gecastet, etwa 600 ausgewählt. Teilweise spielten junge Menschen mit, deren Großeltern beim Dreh des ersten „Heimat“-Teils ganz in der Nähe mit dabei gewesen seien, sagt Reitz im Gemeindehaus von Gehlweiler. Dort steht thematisch passend ein Motto an der Wand: „Gemeinsam das Erbe der Väter zu wahren, als Hüter und Wächter von Heimat und Haus“.

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