Offener Brief zur Heilig-Rock-Wallfahrt

Heilig-Rock-Wallfahrt

Ronges Offener Brief heute

Ludwigshafen/Trier/Mainz, 13.04.12. Als 1844 in Trier der Heilige Rock ausgestellt wurde, herrschte Hungersnot in Deutschland. Der katholische Priester Johannes Ronge wehrte sich mit einem offenen Brief gegen diesen „Götzendienst“. Der Brief fand weite Verbreitung und in Reaktion darauf bildeten sich deutschkatholische Gemeinden. Diese vereinten sich später mit den protestantischen Lichtfreunden zum Bund freireligiöser Gemeinden Deutschlands.

Viele dieser religiösen Reformer warend auch führend bei der 1848er Revolution wie Carl Schurz, Friedrich Fröbel oder Robert Blum.

Von der Freireligiösen Landesgemeinde Pfalz erhielten wir eine Übersetzung des Ronge-Briefes für die heutige Zeit, den wir gerne als Kontrast zur Begeisterung über dieses Massen-Event veröffentlichen:

„Noch Fantasy oder doch Wirklichkeit?

Das muss man sich fragen, das fragen sich die Menschen in diesem Land, wenn sie hören, dass wieder eine Reliquie, von der niemand weiß, ob sie überhaupt eine ist, zur Schau gestellt wird und aufgerufen wird, zu ihr zu wallfahren.

Menschen, ist das noch zu glauben? Was soll denn heute mit einem Heiligen Rock, einer von über 20, bewirkt werden?

Will man nur wieder vielen, die Krisen durchmachen, die leiden und sich nicht zu helfen wissen, Geld aus der Tasche ziehen?

Ich bezweifle, dass hier nur von einem Placebo-Effekt des Objektes ausgegangen wird, und selbst wenn, müsste man sich fragen, ob der sich nicht besser auf anderes konzentrieren könnte.

Aber was will die Kirche, was will ein Bischof damit bezwecken, gerade jetzt wieder eine Reliquie, von der er selbst zugibt, dass ihre Echtheit in Zweifel steht, auszustellen? Tatsächlich: die Kirche hat viel zu bemänteln, warum nicht auch mit einem Heiligen Rock wieder alles zudecken, was an verbrecherischem Handeln und unmoralischem Tun ans Licht kommt?

Aber auch der beste Rock deckt nicht den Skandal des Missbrauchs von Kindern zu, als die Kirche jahrzehntelang die Täter in ihren Reihen deckte, die Opfer unter Druck setzte und damit Hilfe für sie unmöglich machte. Und die schönste Wallfahrt verschärft nur den Blick auf die Heuchelei und Scheinheiligkeit kirchlicher Kreise, die die Alimente für Kinder ihrer Priester zahlen, aber den Gebrauch von Kondomen zur Verhütung von Aids ablehnen, deren Moral es nicht zulässt, dass ein Mensch in Wahrhaftigkeit lebt und auch seine eigene sexuelle Orientierung leben kann. Nein, selbst bei Schützenkönigen wird Scheinheiligkeit verlangt, wird der Schein gewahrt und darunter herrscht Chaos, Unterdrückung und Verleumdung.

Zur Einigkeit der Kirche soll gewallfahrtet werden, aber worin ist die Kirche einig? Doch vor allem in der Unterdrückung, in der Ablehnung von Demokratie und Freiheit des Einzelnen. Mit Mächtigen wird gerne paktiert, ein Konkordat mit Hitler wurde geschlossen, um die Schäfchen ins Trockene zu bringen, aber innerkirchlich gibt es keine Demokratie, keine Freiheit.

Der Glaube soll gestärkt werden, der Glaube an was? An die Macht von Objekten, an die Macht der Kirche, oder der Glaube an die Erlösung von was? Von der Unterdrückung, vom Glaubenszwang, der in kirchlichen Organisationen herrscht? Da lässt man sich die sozialen Einrichtungen – vom Kindergarten angefangen bis hin zu Krankenhaus und Hospiz – durch staatliche und öffentliche Gelder bezahlen, und verweigert den eigenen Arbeitnehmern die Grundrechte, die allen anderen Beschäftigten zustehen, verweigert ihnen sogar das Grundrecht der Religionsfreiheit.

Woran sollen denn die Gläubiger glauben? Wer hat, dem wird gegeben? Ihnen doch nicht, denn Haben tut vor allem die Kirche. Sie ist reich, und was tut sie damit? Baut weiter riesige Kirchen in Afrika, während die Kinder ihrer Gläubigen dort sich noch nicht einmal das Schulgeld leisten können.

Woran sollen die Gläubigen glauben? Dass ihnen geholfen wird? Und dazu werden ständig neue Reliquien produziert, Sterbenden Blut abgezapft, damit es später zur Seligsprechung präsentiert werden kann. Wie unmoralisch kann man noch mit Menschen umgehen?

Und Nächstenliebe, was ist mit der, die da gepredigt wird, wie ist es mit der anderen Wange, die hingehalten werden soll? Da werden Klagen nach § 166 erhoben, wenn Kritik an der Kirche und an dem geäußert wird, was in Kirchen über Andersdenkende gesagt wird. Da wird vom Gericht bescheinigt, dass ein Bischof auf der Kanzel alles sagen darf, weil er sowieso lügt und alle das wissen. Diese Moral sollen alle annehmen, diese Moral stützt sich auf die Religion, sagt der Bischof. Eine solche Religion und Moral kann man nur ablehnen.

Handeln und Denken haben etwas miteinander zu tun, und das Handeln, das da angepriesen wird, der Glaube, den die Menschen haben sollen an etwas, das es gibt und doch nicht gibt, beruht auf Täuschung und nimmt die eigenen Glaubenslehren nicht ernst. Einigkeit soll die Wallfahrt demonstrieren, einig kann man sich nur darin sein, sie abzulehnen, den Geist abzulehnen, aus dem heraus sie stattfinden soll. Warum wallfahrtet man nicht zu denen, die Asyl suchen, die als Kinderhexen verfolgt werden, die als Aidswaisen aufwachsen müssen?

Einigkeit in der Intoleranz, der Verächtlichmachung der Kritiker, der Ablehnung aller anderen Religionen, das wird demonstriert.

Aufdecken, nicht zudecken!

Aufwachen, nicht einschläfern lassen!

Aufstehen, nicht unterdrücken lassen!

Aufklären, nicht im Trüben fischen!

Einig sein im Geist des Menschen, und in der Freiheit des Denkens und Glaubens, dies sollte Ziel gerade auch der Christen sein.

Wann ist es endlich in der Kirche so weit?“

Renate Bauer, Landessprecherin Freireligiöse Landesgemeinde Pfalz – www.freireligioese.de

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