Sonntagskommentar: Die Schlecker-Ballade

von Hans-Peter Terno

Mainz, 03.06.12. Eigentlich waren wir 1968 viel zu milde. Wir probten den Aufstand an unterschiedlichen Orten. Mir drohte ein Schulverweis als Rädelsführer eines Schulstreikes gegen die Notstandsgesetze. Zu Hause saß mein Vater vor dem Fernseher und schimpfte bei der Tagesschau auf Kiesinger („dieser Alt-Nazi!“). Wir saßen während einer „nicht angemeldeten“ Sitzblockade gegen die Notstandsgesetze auf dem Münsterplatz in Mainz und blockierten 5 Minuten lang den Verkehr. Nach 5 Minuten rief ein Polizist: „Ei ihr Bube, die 5 Minute sin rum“, wir standen wieder auf.

Die Notstandsgesetze, gegen die wir uns wehrten, sind ein Klacks gegen die Mittel, die der Staat heute zur Verfügung hat und auch anwendet. Denken Sie nur an die Demonstrationsverbotsorgie in Frankfurt letztes Wochenende, als gegen die Banken und den Kapitalismus überhaupt demonstriert werden sollte…

Zu jener Zeit warb die FDP bei den Bundestagswahlen mit drei Pünktchen im Namen und dem Slogan „Wir schneiden alte Zöpfe ab“. Ja, die FDP unter Walter Scheel und Hermann Flach… (Freiburger Thesen).

Wir waren gegen Konsumterror, im Vergleich zu heute eine Angebotswelt. Wir waren auch für den Sozialismus. Es hätte uns aber gerreicht, Springer zu enteignen. Aber Neckermann oder Quelle? Nein, wir waren ja Nachkriegskinder, hatten das „Wirtschaftswunder“ miterlebt und glaubten noch daran, dass redliche Menschen mit 40 DM am Tag der Wähhrungsreform die Wirtschaft aufgebaut hätten. Später kam dann raus, dass Neckermann Reichswirtschaftsführer Textil war und Quelle-Inhaber Senator Schickedanz sein Vermögen dadurch gemacht hatte, dass er bei der Arisierung die Vereinigten Papierwerke Schickedanz billig erwarb. Die hatten die Marken Tempo und Camelia. Schickedanz entblödete sich nicht, nach der Aneignung der Papierwerke mit dem Slogan zu werben „Camelia jetzt arisch“. Aber irgendwie blieb auch über ’68 hinaus bei Vielen die Verehrung der Familienunternehmer. Oetker hat sich bis heute gehalten. Anton Schlecker aber ist weg vom Fenster und mit ihm 23 000 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Es gab auch Männer bei Schlecker. Im Management, im Lager und als LKW-Fahrer.

Die patriarchalische Welt des Anton Schlecker funktionierte lange Zeit nach dem Prinzip „Masse statt Klasse“. Schlecker mietete sich in ehemalige Lebensmittelläden, die unter der Konkurrenz der grünen Wiese geschlossen wurden, ein. Diese wurden mit Reinigungsmitteln, Körperpflegemitteln, Windeln, Kinder-Kost, Tierfutter und Hausfrauentrostmitteln (Billigsekt und Süßwaren) vollgestopft. Eine Verkäuferin musste den Laden schmeißen: Ware bestellen, Ware auffüllen, Laden sauber halten und verkaufen. Telefon gab es in diesen Läden keines. Deshalb wurden sie gerne überfallen, bis das Mobiltelefon aufkam und die Verkäuferinnen Hilfe holen konnten. Als die Bundesrepublik abgegrast war, das Geschäftsprinzip aber nur durch Expansion funktionierte, machte Anton Schlecker Läden in ganz Europa auf. Der Chef höchstselbst fuhr die Läden ab, sah nach dem Rechten und behandelte die Verkäuferinnen oft wie Leibeigene.

Gegen diesen Drogeriemoloch wuchs Konkurrenz: die Drogeriemärkte von dm, Müller und Rossmann. Im Gegensatz zu Schlecker hatten diese große Flächen, breite Gänge und waren billiger. Sie waren zwar nicht mehr da, wo Schlecker vornehmlich war: in Kleinstädten und Vororten. Aber sie waren da, wohin die KundInnen hin strömten: in den Innenstädten. Die klassische Schlecker-Kundin gab es nämlich kaum noch: die Nur-Hausfrau ist fast ausgestorben. Auch „Haus“frauen gehen heute arbeiten und haben keine Zeit mehr, mal eben bei Schlecker vorbeizudüsen, Domestos fürs Klo und Sekt für die Seele zu kaufen. Der Schleckerumsatz bröckelte.

Während der dm-Gründer sich als Gutmensch profilierte, Grundeinkommen für Alle forderte und auch Biolebensmittel wie Vollkornnudeln verkaufte, behandelte Anton Schlecker wie eh und je sein Personal. Wer nicht hörte, flog, wer trotz allem dem Unternehmen treu blieb, erhielt Prämien. In der absoluten Schlecker-Monarchie gab es nur einen, der das Sagen hatte: Anton Schlecker. Dem ersten Gebot des Unternehmenscodex: „Du sollst keinen Chef haben neben mir“, fielen über Jahre die Betriebsräte zum Opfer. Die Gewerkschaft kritisierte Schlecker. Wie auch Lidl, Netto und viele andere. Im Gegensatz zu Lidl und Netto, die weiter mit Großflächen expandierten, fiel jedoch der Umsatz von Schlecker. Die Läden waren vielfach zu klein und das Sortiment stimmte nicht mehr. Schlecker verschlief den Trend mit den Biolebensmitteln und den Öko-Reinigungsmitteln und der Ökokosmetik. Schlecker verschlief auch den Trend erfolgreicher Unternehmen, sich ein Sozialimage zuzulegen.

Da konnten auch die selbst nicht mehr jungen Kinder des 80-jährigen Patriarchen das Ruder nicht mehr herumreißen. Zu spät setzten sie auf größere Filialen: Schlecker XL. Die liefen zwar gut, aber die Hunderte von Millionen, um den ganzen Konzern auf die neue Strategie umzustellen, fehlten. Anton Schlecker hatte die fehlenden Millionen mit seiner Auslandsexpansion und vielleicht auch einigen Konten in der Schweiz, Liechtenstein, Luxemburg, Andorra, Monaco oder den Cayman Inseln verfrühstückt. „Sag mir, wo die Milliarden sind, wo sind sie geblieben?“.

Schlecker ging in diesem Frühjahr pleite. 11 000 – in Worten: elftausend Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter – standen auf der Straße. Sie hätten mit einer Transfergesellschaft aufgefangen und in Arbeit vermittelt werden können. Marktfundamentalist Rösler (Bundeswirtschaftsminister und FDP-Vorsitzender) verhinderte dies. 4000 der gekündigten MitarbeiterInnen reichten Kündigungsschutzklage ein. Das schreckte Investoren ab, den Rest-Schlecker zu kaufen. Jetzt ist die andere Hälfte der Belegschaft auch noch arbeitslos.

Jener Philipp Rösler verkündete heute kaltschnäuzig: In der sozialen Marktwirtschaft können wir Unternehmen nicht helfen, sonst fügen wir anderen Unternehmen Schaden zu. Rainer Brüderle lallte hinterher.

Es geht um die Schlecker-MitarbeiterInnen. Die scheren die FDP nicht. Die haben noch nie FDP gewählt, wenn sie denn überhaupt gewählt haben. Da kann die FDP schon mal Hardcore-Kapitalismus machen. „Soziale Marktwirtschaft“ ist das nicht. ArbeitnehmerInnen mit geringen Einkommen sind der FDP egal. Aktionäre hingegen nicht. Deshalb tut die FDP alles, um den Aktionären von RWE, EON und Wattenfall die Dividenden zu erhalten. „Nordseestrom statt Bürgerstrom“ heist hier die Devise. Auf diese Linie sind auch die Kanzlerin und Julia Klöckner eingeschwenkt.

Lesen Sie morgen den ursprünglich für heute vorgesehenen Kommentar: Mit Julia gegen den Strom der Zeit.

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