Kommentar zur schulischen Inklusion

Kommentar: Inklusion oder doch nicht?

von Hans-Peter Terno

Mainz, 29.06.12. In keinem Bereich sind die Beharrungskräfte so hoch wie in der Schule. Im letzten Landtagswahlkampf kämpfte die FDP gegen die nicht vorgesehene Abschaffung des Gymnasiums. Änderungen wie das gemeinsame längere Lernen können Regierungen stürzen, wie seinerzeit in Hamburg, als Schwarz-Grün scheiterte.

Rheinland-Pfalz hat eine innovative, beharrliche Bildungsministerin, die bislang die erforderlichen Reformen ohne Streit auf den Weg gebracht hat. So ist die Abschaffung der Hauptschule durch Fusion mit den Realschulen im Gegensatz zu anderen Ländern fast reibungslos gelungen. Das Geheimnis des Erfolges von Doris Ahnen ist die strikte Beachtung des Elternwillens. Sie weiß dabei, dass Eltern sich mittelfristig der Einsicht in die bessere Bildung für ihre Kinder nicht verschließen.

Die Realschule plus vereint Haupt- und Realschule und kann als Schwerpunktschule auch Kinder mit sonderpädagogischen Förderbedarf aufnehmen. Durch Verbindung mit der nachfolgenden Fachoberschule haben die SchülerInnen der Realschule plus die Chance, ohne den Umweg über den zweiten Bildungsweg Fachhochschulreife oder sogar die allgemeine Hochschulreife zu erwerben.

In einer solchen Schule sind auch die Kinder gut aufgehoben, die langsamere Lerngeschwindigkeiten haben als andere. Gerade die heutzutage besonders früh einsetzende Pubertät kann schon kurz nach der Grundschule zu einem vorübergehenden Leistungsabfall führen, der früher mit Rückstufung in die Hauptschule bestraft wurde.

In den Integrationsklassen werden Kinder mit und ohne Behinderungen unterrichtet. Über den normalen Unterricht hinaus erhalten die behinderten Kinder die erforderliche sonderpädagogische Förderung. Der gemeinsame Unterricht führt zu größeren sozialen Kompetenzen und dazu, dass leistungsstarke Kinder wie auch behinderte Kinder besonders motiviert werden können. Dies insbesondere dann, wenn die Leistungsstarken den Leistungsschwachen helfen. Das Erlernte prägt sich so den Leistungsstarken besser ein und die behinderten Kinder sind nicht nur mit dem reduzierten Lernstoff der Förderschulen konfrontiert.

In manchen Fällen ist dies allerdings nur Theorie. LehrerInnen, die in ihrem eigenen Schulalltag und im Studium keinen behinderten MitschülerInnen oder MitstudentInnen begegnet sind, haben Probleme, mit behinderten Menschen unbefangen umzugehen und deren Anderssein zu akzeptieren. Bei behinderten Menschen wird zu sehr darauf geachtet, was sie nicht können. Dadurch werden die Stärken übersehen. In der heutigen Lehrerausbildung wird Inklusion einbezogen. Die älteren LehrerInnen können sich vom pädagogischen Zentrum beraten lassen. Fortbildungen wären nötig.

Die neben den Schwerpunktschulen bestehenden Förderschulen fühlen sich häufig durch die Existenz der Schwerpunktschulen bedroht. Die LehrerInnen fürchten bei Auflösung ihrer Förderschule an anonyme Großschulen versetzt zu werden. Ein neues Schulgesetz, das den Eltern behinderter Kinder das Wahlrecht zwischen Schwerpunktschule und Förderschule eröffnet, schafft jedoch eine Bestandsgarantie für die Förderschulen. Schon jetzt wird den Eltern, die dies wollen, die Möglichkeit der schulischen Integration für ihre behinderten Kindern eröffnet. In Hessen müssen sie noch klagen, um dieses durch die UN-Behindertenrechtskonvention gesicherte Recht zu erhalten.

Die Bundesrepublik hat die UN-Behindertenrechtskonvention ratifiziert. Diese ist dadurch zu verbindlichem Völkerrecht geworden. Dieses Recht verlangt Inklusion von Anfang an: vom Kindergarten bis zur Berufsausbildung oder Uni. Rheinland-Pfalz ist neben Schleswig-Holstein das Bundesland, das sich am weitesten diesem Recht annähert. Das Land ist auf dem Weg, es ist aber noch viel zu tun. Geradezu absurd ist jedoch die Vorstellung der CDU-Landtagsfraktion, dass Förderschulen die Inklusion gewähren. Das Gegenteil ist der Fall.

Behinderte Kinder sind Menschen. Sie haben die Menschenrechte. Dazu gehört die Inklusion als Voraussetzung für die Gewährung dieser Rechte.

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