Sonntagskommentar: Ei, wo isser denn?

von Hans-Peter Terno

Mainz, 15.07.12. Wenn Sie heute morgen aus dem Fenster und auf das Thermometer schauen, glauben Sie dem Kalender nicht! 15. Juli und Höchst(!)temperaturen von 21 Grad. Meteorologisch gelten Tage mit mehr als 25 Grad als Sommer. Was ist das dann jetzt? Ein Wettervorhersager sprach gestern von einem „Herbststurm“. Irgendwie scheinen die da oben das mit dem Klimawandel missverstanden zu haben. Das Wetter ist ein Durcheinander! Doch gemach: Die Tagesthemen-Wetterfrau meinte, dass so ab Mittwoch/Donnerstag die Temperaturen wieder auf über 25 Grad steigen würden. Spätestens dann erübrigt sich auch die Frage: „Ei, wo isser denn, der Sommer?“.

Eigentlich ein Wetter wie geschaffen für Dienstreisen. Die Klimalage eröffnet auch dem angestrengsten Politiker und der Politikerin auch, frisch zu wirken. Wäre ja auch zu peinlich, wenn die mitgereisten Journalisten auf den politischen Sommerreisen verschwitzte Politgrößen fotografieren würden.

Eveline Lemke, ihres Zeichens Wirtschafts-, Energie- und Tourismusministerin, würde das offensichtlich nicht stören. Auf ihrer Sommerreise führt sie die Journalisten zu innovativen Unternehmen und touristischen Highlights. Die Frau klettert offenbar gerne. Jedenfalls bestieg sie einen Baumwipfelpfad und erklomm die schwierigste Strecke des Rheinsteigs. Das war Freitag. Ein Tag mit schauerlichem Wetter, viel nassem Nieselregen und dann dieser Teil des Rheinsteigs… „Hut ab, Frau Ministerin“. „Hut ?“ Ja natürlich, wenn Regen droht, trage ich Hut. Da hat man wenigstens im Gegensatz zum Schirm die Hände frei.

Neben touristischer Promotion musste die Ministerin auch kriselnde Unternehmen besuchen. Die beiden rheinland-pfälzischen Großmolkereien leiden, wie ihre Zulieferer, unter den im freien Fall befindlichen Milchpreisen. Es wird in Deutschland und dem Rest der EU einfach zu viel Milch produziert. Da hilft dann auch die von der Milchwirtschaft gekürte „Milchkönigin“ nicht. Mit Biomilch hätten die rheinland-pfälzischen Milchbauern vielleicht eine Chance, auskömmliche Erträge zu erzielen.

Früher hat die EU Milchseen gesponsert, Butterberge finanziert. Diese wurden dann gegen Erstattung der Transportkosten in die UdSSR gebracht. Dort wird inzwischen genügend Milch produziert. Also bleibt noch Milchpulver zu Dumpingpreisen für Afrika. Das zerstört die dortige Milchwirtschaft. Eine Mengenbegrenzung in der Kuhhaltung ist der einzige mögliche Ausweg.

Butter zu 75 Cent immerhin ist auch für Niedriglöhner und Hartz 4 -Empfänger bezahlbar. Ansonsten haben die nichts zu lachen. Die geringe Preissteigerungsrate von 1,7% kommt ja nur dadurch zustande, dass die Spritpreise sinken. Lebensmittel, also unser täglich Brot, werden aber immer teurer…

Da stellt sich dann manchem Zeitgenossen die Frage: „Sonntagsbraten oder Stromrechnung bezahlen?“. Nun, ohne Strom kein Sonntagsbraten, ohne Strombezahlung kein Strom. Über 37 000 rheinland-pfälzische Haushalte haben so letztes Jahr erlebt, wie das ist, wenn die Küche kalt bleibt. Die Alternative Wienerwald gibt es ja schon lange nicht mehr.

Strom ist heutzutage unverzichtbar. Tiefkühl- und Kühlschränke, Waschmaschinen und Küchenherde sind ebenso unverzichtbar wie Geräte der Elektrokommunikation. Wer kein Geld hat, raus zu gehen, schaut fern… ohne Strom schaut er in die Röhre.

Bundesweit soll letztes Jahr 700 000 Haushalten der Strom abgestellt worden sein. Kein Wunder: ein Viertel der Bevölkerung lebt an der Armutsgrenze. Das ist die Kehrseite des gerühmten deutschen Wirtschaftswachstums. Das ist durch Lohnverzicht erkauft. Weniger Lohn und weniger Rente, das verschreibt die EU den klammen EU-Staaten. Wir haben das schon. Nun brauchen die das auch, um wieder konkurrenzfähig zu werden. Dann müssen wir mit Löhnen und Renten eben weiter runter, um konkurrenzfähig zu bleiben. Aber, wer soll da noch die Produkte unserer Wirtschaft kaufen?

Opel wird zu wenig verkauft. Die Verluste des Unternehmens sind hoch. Opel-Chef Stracke, der noch letzten Monat mit MinisterpräsidentInnen und Gewerkschaften eine Sanierungsvereinbarung traf, ist plötzlich weg vom Fenster. Kurt Beck will am Ball bleiben, in Verhandlungen mit der neuen Opel-Spitze auf Einhaltung der getroffenen Vereinbarungen drängen. Peugeot entlässt gerade 8 000 Arbeiter…

Angela Merkel war auf Werbe- und Verkaufsreise in Indonesien. Offenbar ging es um Panzer. „Ei, wo isse denn, die Mutti?“, fragten sich die Politiker, als das Bundesverfassungsgericht die Eilentscheidung über ESM und Fiskalpakt auf in drei Monaten verschob.

„Ei, wo…“ Es ist nicht die Mutti, es ist die knallharte Rüstungslobbyistin!

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