Sonntagskommentar: Der Deubel steckt im Detail – Nürburgring nüchtern betrachtet

von Hans-Peter Terno

Mainz, 23.07.12. Die Besitzgesellschaft des Nürburgrings hat Insolvenz angemeldet. Die landeseigene GmbH war dazu gezwungen, da der Pächter des Nürburgrings zu wenig Pacht zahlt und die Gesellschaft den Schuldendienst nicht mehr leisten konnte. Die Gesellschaft hat diese Schulden bei der landeseigenen Investitions- und Strukturbank. Jetzt muss das Land Rheinland-Pfalz für diese Schulden bürgen. Sie wandern also von der landeseigenen Nürburgring GmbH direkt zum Land, das nun diese Schulden gegenüber seiner Bank, der Investitions- und Strukturbank, begleichen muss. Für diese Möglichkeit hatte das Land im Haushalt eine Rücklage von 264 Millionen Euro gebildet. Es könnte sein, dass die Rückstellung nicht ausreicht und weitere 70 Millionen an die ISB fließen müssten. Dieser Betrag ist bei dem Volumen des Landeshaushaltes dadurch zu erreichen, dass die eine oder andere geplante Investition auf den nächsten Doppelhaushalt verschoben wird. Dem „Steuerzahler“ jedenfalls entstehen keine zusätzlichen Steuerlasten.

Das Land muss also jetzt Kredite auf einen Schlag begleichen, die es ansonsten peu à peu über seine Tochtergesellschaft bezahlt hätte. Die alsbaldige Begleichung führt zu einem Zinsgewinn, da die Kreditkosten für die Folgejahre entfallen.

Die Nürburgring GmbH will den Konkurs in Eigenregie managen. Ohne die Schuldenlast wird sie wieder aktionsfähig sein. Die Insolvenz bedeutet also nicht das Ende des Nürburgrings, geschweige denn die Einstellung des Betriebes auf und rings um den Ring.

Nüchtern gesehen: so weit, so gut. Konkurse können auch die Zukunft von Unternehmen sichern. Das Beispiel eines internationalen Weinhandelsunternehmens aus dem Wahlkreis von Frau Klöckner hat dies vor Jahren bewiesen. Es gehört Parteifreunden der Abgeordneten. Der Name des Unternehmens, das ursprünglich nach der Besitzerfamilie hieß, hat sich allerdings geändert. Den Namen des Nürburgrings kann man nicht ändern, er ist sein größtes Kapital. Der Imageverlust bleibt vorläufig.

Wie kam es dazu?

Der Nürburgring ist seit seiner Eröffnung Ende der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts defizitär. Er war von Anfang an als Strukturhilfe für eine Region gedacht, in der ansonsten kaum Arbeitsplätze bestehen oder zu schaffen sind. Die notwendigen Zuschüsse für den Ring stiegen gerade in den letzten beiden Jahrzehnten, die Formel 1-Rennen auf dem Ring waren erfolgreich, der Veranstalter fuhr große Gewinne ein, verlangte aber dennoch Geld vom Land für die Durchführung des Rennens. Das Land zahlte zähneknirschend.

Die letzte SPD-FDP-Koalition im Land entwickelte, angefeuert vom seinerzeitigen Ringmanager, die Idee, den Ring für einen Ganzjahresbetrieb auszubauen. So sollten Einnahmen erzielt werden, die das bisherige Defizit ausgleichen sollten. Finanzminister Prof. Deubel sah die Chance zu beweisen, dass seine Theorien praxistauglich seien. Die notwendigen Investitionen für den Ausbau des Ringes sollten von privater Hand kommen. Die öffentliche Hand sollte diese Mittelzufuhr lediglich organisieren, anstatt selbst zu investieren.

Es wurde eine Besitzgesellschaft gegründet und ein Freizeitzentrum geplant. Renommierte Unternehmensberatungen entwarfen die Pläne und stellten Wirtschaftlichkeitsberechnungen an. Die Planungen im Finanzministerium, die Gutachten in den Unternehmensberatungen wurden in gut klimatisierten Büros am Computer entwickelt. Dabei wurden die Besucherzahlen des Rings als Basis der Planungen genommen. Keinem fiel auf, dass diese Zahlen schöngerechnet wurden. Die Zahl der verkauften Eintrittskarten war nämlich weitaus geringer als die der gezählten Besucher. Der Grund: bei einer mehrtägigen Veranstaltung wurden ein und dieselben Besucher jeden Tag erneut gezählt. Zuletzt geschah dies noch beim ADAC-LKW-Rennen auf dem Ring. 36.500 verkauften Eintrittskarten stehen 170.000 gezählte Besucher gegenüber (je nach Quelle variieren diese Zahlen, das Verhältnis bleibt jedoch).

Bei den Besucherzahlen wird sich auch andernorts in die Tasche gelogen. Wären die eine Millionen Besucher beim Kölner Rosenmontagszug real, müssten die Menschen gestaffelt in 38 Reihen am Zugweg stehen…

Zurück zum Ring. Die Planung am grünen Tisch mit den falschen Zahlen führte dazu, dass die geplanten Bauten recht groß wurden, die Kosten auch. „Aber das wird ja privat finanziert“, versicherte Prof. Deubel ein ums andere Mal. Angeblich hatte er die Finanziers bereits, diese wollten nur geheim gehalten werden. Zum Schluss, auf dem Höhepunkt der Finanzkrise, blieben nur halbseidene Interessenten, die sich nicht als finanzkräftig erwiesen, übrig.

Aufgrund der Zusicherung des selbstverliebten Professors, die Investoren seien bereits da, wurde auch schon gebaut. Als das Finanzierungsmärchen des Professors platzte, wurde weiter gebaut, den Bau einzustellen wäre zu teuer geworden. Die Besitzgesellschaft machte große Verluste und das Land sprang für die ausgebliebenen Investoren ein. Aufgrund der Verluste erschien die Besitzgesellschaft nicht mehr geeignet, die Geschäfte des Rings zu führen, und private Betreiber wurden gesucht und gefunden. Das Land glaubte sich mit dem Junior einer erfolgreichen Hotelgruppe auf der richtigen Seite, es war, wie wir heute wissen, die falsche Seite. Aber auch der vorherige Ringmanager war durch dubiose Geschäfte aufgefallen.

Die Pachtzahlungen des neuen Betreibers fielen zu niedrig aus, stattdessen stellte er Zuschussforderungen. Innenminister Lewentz schickte einen Mahnbescheid und reichte die Räumungsklage ein. Jetzt zahlte der Betreiber erst recht nicht, die Besitzgesellschaft ging der Zahlungsunfähigkeit entgegen und das Land stellte einen Antrag für die Genehmigung einer Rettungsbeihilfe bei der EU von ca. 13 Millionen Euro. Die EU wollte und konnte wohl auch nicht rechtzeitig entscheiden, so musste die Insolvenz angemeldet werden. Eine kaufmännisch einwandfreie Entscheidung mit der Chance eines erfolgreichen Neuanfanges. Im besten Falle fließt dem Land zukünftig das als Gewinn zu, was an Kreditkosten an die ISB gezahlt worden wäre.

Der Nürburgring ist eines von zahlreichen Investments der Landesregierung. Gerade die Konversion erforderte immense Anstrengungen. Ihre Zwischenbilanz: 80.000 zivile Arbeitsplätze (zuvor waren es nur 50.000), das Ende der Fahnenstange ist noch nicht erreicht; insgesamt sind die Investments das Landes ein großer Erfolg.

Vorläufig gescheitert ist der Nürburgring, was nicht heißt, das er letztlich doch Erfolg haben könnte. Gescheitert ist der Ring an einem selbstverliebten Finanzprofessor, der nicht zugeben konnte und wollte, dass seine Theorien gescheitert sind. Deubel ist schon in der letzten Legislaturperiode zurückgetreten, die Staatsanwaltschaft ermittelt gegen ihn.

Julia Klöckner, derzeit wie ein wütender Heißluftballon, ist im Urlaub. Das heißt aber nicht, dass die Wutpolitikerin nicht Schimpf und Schande ruft. Beck soll zurücktreten, Lewentz, Kühl und Hering auch. Schade nur, dass nicht auch Doris Ahnen irgendwie was mit dem Ring zu tun hat, dann könnte Klöckner deren Rücktritt auch noch fordern. Sie wäre dann Ministerpräsident und die möglichen NachfolgerInnen los. Die Maßlosigkeit ihrer Anschuldigungen entlarvt, dass das Ringthema das einzige ist, mit dem die Walküre (um bei Richard Wagner zu bleiben) Gehör findet. Zuletzt war von ihr ja kaum noch was zu bemerken. Beck-kritische Medien haben endlich ihr Sommerlochthema.

Mit der Insolvenz der Nürburgring GmbH ist ein klarer Schnitt gemacht. Jetzt gilt es, die Betreiber des Rings EU-konform zu wechseln, um doch noch eine schwarze Null und dereinst Gewinn zu erzielen. Warnen kann man nur vor Julia Klöckners Vorschlag im Trierischen Volksfreund, Investoren zu suchen, die beim Ring einsteigen. Das Beispiel des Prof. Deubel zeigt, wohin das führen kann! Auch ist die Finanzmarktsituation im Jahr 2012 mindestens genau so unsicher wie damals, im Jahr 2008.

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