Zeitzeugin aus Ruanda diskutiert in Gedenkstätte KZ Osthofen

Gedenkstätte KZ Osthofen: Zeitzeugin aus Ruanda – Wie weiterleben nach dem Genozid?

Podiumsdiskussion in Gedenkstätte KZ Osthofen zum Völkermord in Ruanda von 1994

Wie kann man weiterleben nach dem Genozid? Esther Mujawayo spricht von dem Gefühl der Leere, das sie in dieser Zeit empfand: „Alle sind tot, mein Mann, meine Schwester, ihre Töchter…! Wie kann ich mich versöhnen mit dem Land, das die Heimat ist? – Du kannst nicht immer wütend bleiben.“

Auch nach 18 Jahren findet Esther Mujawayo, Mitgründerin von AVEGA (Association des Veuves du Genocide d’Avril), der Gemeinschaft der Witwen des Genozids vom April 1994, keine endgültige Antwort. Aber sie hat die Hoffnung, dass die kommende Generation eine bessere Zukunft schafft und dass Sprachlosigkeit und Tabus überwunden werden können.

Mujawayo brachte 60 Zuhörenden aus Deutschland und Ruanda bei einer gemeisamen Podiumsdiskussion der Landeszentrale für politische Bildung und des Vereins Partnerschaft Rheinland-Pfalz-Ruanda e.V. in der Gedenkstätte KZ Osthofen die „Gedenkarbeit in Ruanda zum Völkermord von 1994“ mit drei weiteren Experten näher. 1994 war das kleine Land in Zentralafrika von einem der grausamsten Genozide erschüttert worden. In vier Monaten töteten Angehörige der Hutu-Mehrheit um die 800.000 Menschen, etwa 75 Prozent der in Ruanda lebenden Tutsi-Minderheit sowie moderate Hutu, die sich am Völkermord nicht beteiligten oder sich aktiv dagegen einsetzten.

Über den Stand der Gedenkarbeit in Ruanda diskutierten mit Frau Mujawayo, Dr. Richard Auernheimer, Präsident des Partnerschaftsvereins Rheinland-Pfalz-Ruanda, Michael Nieden, dessen Geschäftsführer, der sieben Jahre lang in Ruanda tätig war, und Gerd Hankel, ebenfalls viele Jahre in Ruanda lebend.

Michael Nieden stellte die besondere Situation Ruandas dar: auf der einen Seite ein armes Land, das durch die Folgen des Völkermordes und der anhaltenden Kriege immer noch beeinträchtigt ist; auf der anderen ein Land mit für afrikanische Verhältnisse großen Fortschritten in der Verwaltung, im öffentlichen Verkehrswesen und vor allem in der Bildung (Alphabetisierungsgrad der Bevölkerung 95 %) und wirtschaftlich enormen Auftrieb.

Gerd Hankel untersucht die in Ruanda geleistete juristische Aufarbeitung des Völkermordes. Neben ordentlichen Gerichten und Militärgerichten kam in Ruanda den Gacacas, den traditionellen Gerichten der ruandischen Bevölkerung, eine entscheidende Bedeutung zu. Die Gacacas sind in der nationalen Tradition verankerte Laiengerichte und dienten der Wiederherstellung des sozialen Friedens. Die Verfahren fanden zudem in dem sozialen Umfeld statt, das auch Schauplatz der Verbrechen war. Dieser Ansatz der „restaurativen“ Justiz wurde von Vertretern des Partnerschaftvereins für gut und möglicherweise vorbildhaft angesehen, da es tatsächlich eine – z. T allerdings erzwungene – Annäherung zwischen den Bevölkerungsgruppen und auch Verbrechensaufklärung gegeben hat.

Die Rechtsprechung und die Auswirkung der Gacaca-Gerichte auf Opfer und Täter wurden von den Referenten und auch von zahlreichen Veranstaltungsteilnehmern allerdings unterschiedlich, z. T. auch kritisch bewertet.

Nähere Informationen unter: www.politische-bildung-rlp.de

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