Sonntagskommentar: Die Zeit der Treibjagd ist zu Ende

von Hans-Peter Terno

Mainz, 30.09.12. Im Herbst gehht die Jagd auf. Bald füllen sich die Speisekarten der Restaurants wieder mit Wildschweingoulasch, Rehrücken, Wachtel und Fasan, letzterer durch fehlende Hecken und das abgasverseuchte Begleitgrün der Autobahnen fast ausgestorben.

Auch eine Winzerstochter aus Guldental hatte schon ihr grünes Jagdkostüm zurecht gehängt, probierte Jagdhütchen aus und testete vor dem Spiegel, welcher Lippenstift wohl zu den grünen Ohrklips und den Jagdpumps passt. Die Teilnehmer der Jagdgesellschaft aus Trier, Koblenz, Mainz, Ludwigshafen, Frankfurt, Hamburg und Berlin waren schon dabei, ihre Flinten zu putzen, Mikrophone, Kameras, Ausnahmegeräte, Block und Bleistift zurechtzulegen. Wie seit Jahren wollten Sie auf die Jagd gehen. Auf die Jagd nach einem erfahrenen, allmählich älteren Platzhirsch. Was hatten sie gegen den Platzhirschen schon alles für Kommentare, Sendungen, Artikel und Schlagzeilen in den letzten Treibjagden abgefeuert.Diesen Herbst sollte es sein. Hofften sie doch, daß ein Prozess in Koblenz gegen einen Weggefährten des Platzhirschen, den sie auch Hirschkönig nannten, ihn endlich waidwund schießen würde, sodaß sie dann den letzten, veritablen Schuß ansetzen könnten.

Wie gesagt: alles war angerichtet, die Hochstände auf der Lichtung bereit, die Vorräte für die Jagdgesellschaft mit Wein, Schnaps, Wurst, Schinken und Brot aufgefüllt.

Noch saßen die Jäger zu Hause und formulierten ihr Jagdergebnis schon einmal vor. Viel Jägerlatein wurde da verfasst vom Schloßhotel, das in Wahrheit in einem Pferdestall beheimatet war, bis hin zum Nürburgring. Ein paar Krokodilstränen wurden auch vergossen, denn sei es, wie es sei: der Wald in dem der Platzhirsch wohnte, war durch sein Wirken so schön, so ökologisch und so ertragreich wie nie. Jeder Waldbewohner sollte genug zu Essen haben, Wohnung und Aufgabe finden. Für alle sorgte der Platzhirsch und half besonders den Schwachen. Aber es sollte sein, der Platzhirsch mußte weg. Die Jägerin aus Guldental hatte sich vor alle Kameras in alle Schlagzeilen und in alle Sendungen gedrängt und forderte die Trophäe des Platzhirschen ein.

Späher, die den Standort des Platzhirschen auskundschaften sollten, berichteten jedoch, daß dieser traurig, mit gesenktem Geweih die Lichtung verließ und sich in die Klinik begab. Der Platzhirsch, so gab erbekannt, war erkrankt und stand für die Jagd nicht mehr zur Verfügung. Ja, er hatte sogar die Lichtung, auf der er immer geäst hatte und von der er über den Wald herrschte, an jüngere abgegeben.

„Mist“ brüllte da die Jägerin „Sch…“, brüllten die anderen Jäger, „Zum K…“ die Verleger und Mediengewaltigen, die schon auf verkaufsträchtige Schlagzeilen gehofft hatten. „Na,aber eigentlich waren doch wir es, die den Platzhirschen vertrieben haben“, tönten die im Jägerlatein erfahrenenJäger und Treiber. Die Jägerin aus Guldental aber holte ihr Spieglein aus der Handtasche, schaute hinein und fragte: „Spieglein, Spieglein in der Hand, wer ist die Schönste im ganzen Land“. Das Spieglein antwortete: „Frau Jägerin, hier vor mir, seid es Ihr, aber draußen vor Ihrer Tür gibt es eine Schönere, Malu steht dafür“. „Stimmt“ tönte der Jägerchor, blies ein Halali und diskutierte, ob man nicht mal eine Treibjagd auf die Jägerin veranstalten sollte. Da ging die Jägerin aus Guldental mit ihren Untergebenen wieder einmal ins Kloster, um eine neueStrategie auszuloten.Die Mönche bekreuzigten sich einmal, als die Gesellschaft kam und drei mal, als die Gesellschaft ging.Sie lehnten es trotz angebotenem Spendengeld es ab, die Jägerin zu behalten.

Liebe Leserinnen, liebe Leser,

die kleine Satire am Anfang dieses Sonntagskommentares mögen Sie mir verzeihen. Ich reagiere damit auf die Kommentare in den einschlägigen Medien, die sich schon immer an Kurt Beck rieben und die Äußerungen der kampfeslustigen Oppositionsführung. Man hat den Eindruck, daß sie unbedingt im Nachhinein Recht haben wollen, egal, wie die Sache wirklich aussieht.

Es ist tragisch, daß unser Ministerpräsident durch eine Krankheit noch keine zwei Jahre nach der Landtagswahl gezwungen ist, sein amt aufzugeben. Rente mit 63 Jahren statt mit 67 Jahren. Kurt Beck kann sein Lebenswerk nicht zu Ende führen, die offenen Baustellen seiner Regierung nicht mehr zum guten Ende führen.

Das müssen jetzt Malu Dreyer und Roger Lewentz tun. Zwei treue WeggefährtInnen des Ministerpräsidenten. Malu Dreyer, seit 10 Jahren sozialministerin hat das rheinland-pfälzische Sozialsystem von paternalistischer Fürsorge zur Selbstbestimmung der betroffenen Menschen entwickelt. Bundesweit die Reform der Pflege und den Vorrang der ambulanten Versorgung angestoßen, im Flächenland Rheinland-Pfalz einen Krankenhausplan durchgesetzt, der auch die Versorgung in entlegenen Landesteilen sichert. Ohne ihr rheinland-pfälzisches Kinderschutzgesetz sähe es auch im Bund anders aus. Malu Dreyer hat immer ressortübergreifend gearbeitet, sei es mit der Initiative Gesundheitswirtschaft, mit der inklusiven Erziehung, der Sanierung des Mainzer Universitätsklinikums oder der umfassenden Barrierefreiheit in allen Bereichen. „Gegen Malu Dreyer hat noch niemand ein böses Wort gesagt“, sagte der Chefredakteur der Süddeutschen Zeitung gestern im SWR und weiter, sie sei hochqualifiziert. Malu Dreyer ist eine sehr gute Wahl für das Amt der Ministerpräsidentin, wie Roger Lewentz es für das Amt des Parteivorsitzenden ist. In seiner Stellungnahme gestern hat er deutlich gemacht, daß er sein Amt als Parteivorsitzender quasi als das eines Super-Generalsekretäres sieht. Er will die Bundestagswahl 2013, die Komunal- und Europawahl 2014 und die Landtagswahl 2016 für Malu Dreyer, wie er ausdrücklich sagte, gewinnen. Natürlich mußte heute Abend schon ein SWR-Redakteur mutmaßen, daß es 2016 ein Gerangel um die Kandidatur für den Ministerpräsidenten/die Ministerpräsidentin 2016 geben könnte. Es gibt Journalisten, die sind ohne Konflikt unglücklich. Das gilt auch für Politikwissenschaftler, wie jenen Prof. Langgut, der Merkel-Biograf ist und Klöckner-Freund . Die alte Stimme des Professors war gestern Abend und heute Morgen bis zum Hörsturz im SWR zu hören.

Die CDU-Fraktions- und Landesvorssitzende, Julia Klöckner, sieht plötzlichneben der 10 Jahre älteren Malu Dreyer ganz schön alt aus. Schon optisch, wie mir Leserinnen versichern. Malu Dreyer hat keine Gewichtsprobleme, muß sich nicht aufmotzen, besticht durch Fröhlichkeit und Warmherzigkeit. Malu Dreyer ist kompetent. Der Rede der Frau Klöckner fehlt hingegen oft der sachliche Hintergrund.

SPD und Grüne werden im Januar Malu Dreyer einstimmig wählen. Roger Lewentz wird im November zum Parteivorsitzenden gewählt. Ein starkes Team, um die anstehenden Probleme zu lösen und für das Land eine weitere Zukunftsperspektive zu entwickeln.

Eine gute Lösung für das Land und die SPD. Kurt Beck wird bis Dezember noch einige eigene Akzente setzen und Entwicklungen anstoßen. Erfahrung und Zukunftsorientierung treffen sich in ihm, wie in keinem anderen.

Wünschen wir Kurt Beck für seine Krankenhausbehandlung im Januar und die anschließende Reha alles erdenklich Gute und eine vollständige Gesundung. Sein Rat und seine Erfahrung werden gefragt bleiben.

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