Sonntagskommentar: Über Mund- und Maultaschen

von Hans-Peter Terno

Mainz, 28.10.12. Letztes Wochenende bei Temperaturen an die 20 Grad nahm es mancher leicht, wenn er daran dachte, daß in zwei Monaten Weihnachten ist. Nur die Einzelhändler runzelten sorgenvoll die Stirn. Wie sollten sie Tonnen von Lebkuchen, Stollen und Schokoladenweihnachtsmännern, die sie schon gelagert hatten, bis Weihnachten verkaufen, wenn das Wetter so bliebe? Warmluft aus Nordafrika und das mitten im November. Das war auch kein Wetter für den Kauf neuer Wintermäntel oder neuer Winterreifen. Dann wurden die Grippeimpfstoffe knapp und die Auslieferung einer Charge Grippeimpfstoff sogar gestoppt. Egal, das Wetter war Klasse.

Vom Norden aber schlich sich Polarluft an. „So schlimm kann das nicht sein“, dachte unsere Oberphysikerin in Berlin, der Nordpol taut ja ab. „Besser Luftt, vom Nordpol als Luft vom Südpol, dort nimmt das Eis ja zu“, erklärte die Oberphysikerin ihren Mann, einem alten Chemieprofessor.

Sie ahnen, wen ich meine.

Nun, diese Frau bügelte am letzten Wochenende ihren Trauer-Hosenanzug auf, die Zeit der Totengedenkreden steht ja an, da muß die Frau schon Trauer repräsentieren. Seit dem letzten Sonntag fällt ihr das auch nicht schwer: ein Grüner hat der CDU das ihr von Gottvater höchstpersönlich verliehene Oberbürgermeisteramt in Stuttgart abgenommen. „Hoidenoi“, dachte da mancher alter Schwabe. „Kruzitürken“, hingegen der Seehofer Horst. Ja und dann grinste doch tatsächlich dieser Saubazi von der SPD, dieser Uhde in einem Beitrag über den bayrischen SPD Parteitag dem Stoiber aus der Röhre zu. Einen guten Eindruck hat er ja gemacht, dieser Uhde, auch nicht so deppert daher geredet, wie sein Gegenspieler von der CSU. Dieser verkündete, von guten Umfragezahlen geblendet, in den Hauptnachrichtensendungen der beiden öffentlich-rechtlichen Programme, daß von und zu Guttenberg nach der bayrischen Landtagswahl wieder an verantwortliche Stelle im Lande käme.

Den Rest der Woche Aufregung, weil der CSU-Pressesprecher diese beiden Sender angerufen hatte, um die Berichterstattung von der Uhde-Ausrufung zu verhindern. Mann, Sehofer! Wie konnte das dem abgeordneten Staatsanwalt und Richter nur passieren? Ein Staatsanwalt und Richter Pressesprecher bei der CSU??? Vom Justizministerium nur abgeordnet und jetzt wieder zurück in den Staatsdienst??? Leute, das ist doch der eigentliche Skandal!!!!!

Angela Merkel schwieg zum Vorgang. Sie mußte ja an ihrer Rede zur Einweihung der Gedenkstätte für die im Nationalsozialismus verfolgten und ermordeten Sinti und Roma schreiben. Sie hielt die Rede in eben ihrem aufgebügelten Trauer-Hosenanzug. Tags drauf, werkelte Innenminister Hans-Peter Friedrich mit seinen EU-Kollegen daran, daß keine asylsuchenden Sinti und Roma aus Südost Europa nach Deutschland kommen. Das seien ja nur Wirtschaftsflüchtlinge. „Wirtschaft“ im Sinne dieser Minister umfasst wohl auch Schulbesuch, der den Kindern dieser Menschen verweigert wird, Wohnung und Arbeit, die ihnen verweigert wird, körperliche Unversehrtheit, die ihnen verweigert wird und Schutz vor nationalistischen Übergriffen der umgebenden Bevölkerung, der ihnen verweigert wird. Was das heißt, können sich die „Hugo Boss“ gewandeten Herrn Minister nicht vorstellen. Wetten, daß sie noch nicht mal persönlich ihre anzüge aufbügeln?

Der Umgang mit den asylsuchenden Sinti und Roma schreit zum Himmel! Aber die Bundeskanzlerin hat eine beeindruckende Rede zum in Nationalsozialismus begangenen Unrechts an dieser Bevölkerungsgruppe gehalten. Das gelingt ihr nicht oft. Worte und Taten bringt sie dennoch nicht zusammen. Diesen Friedrich hätte ich an ihrer Stelle aus dem Kabinett geworfen. Merkel will stattdessen Harmonie mit der CSU. Machterhalt ist ihr allemal wichtiger als die Menschen.

Wenn nächsten Sonntag (also heute) Bundestagswahlen wären, würden 61% ihr Kreuzchen nicht bei CDU und CSU machen, 70% nicht bei der SPD. 96% aber auch nicht bei der FDP. Diese strampelt wie wild, um wieder über die mandatserhaltende 5%-Grenze zu kommen. Die neueste Masche von Röslerle hierzu lautet: „Vorzeitig ausgeglichener Bundeshaushalt schon 2014“. Die Hoteliers-Steuersenkungspartei will den Haushalt ausgleichen? Ja, aber erst 2014, denn da ist sie garantiert nicht mehr in der Regierung. Diesmal kann ihr nach der Wahl 2013 niemand Wahlbetrug vorwerfen, wie Westerwelle. Sein „einfacheres, gerechteres und niedrigeres Steuersystem“ kam ja nicht. Stattdessen wurde er Außenminister und hat dieses Amt unendlich mühsam einigermaßen gelernt.

Der Kanzlerin ist es recht. Westerwelle, immerhin, wird sie nie in den Schatten stellen.

Einsam strahlt sie als Solitär der CDU an Deutschlands und Europas Spitze. Gut, in Europa dunkeln die Politiker die Augen ab, wenn sie nahe kommt und ihre Wahlkampfhilfen sind dort ebenso gefürchtet, wie bei baden-württembergischen Oberbürgermeisterwahlen. Der Kandidat, für den sie wirbt, wird garantiert nicht gewählt. Ob Sarkutzy oder Turner. Vielleicht sollte sie auch für Seehofer in der bayrischen Landtagswahl werben. Das wäre was, Bayern ohne CSU-Regierung und im Bundestag die CSU in der Opposition. Vielleicht gäbe es dann ja eine Koalition aus CDU, SPD und Grünen und eine radikale Opposition aus CSU, Linken und Piraten.

Sie glauben, ich träume? Na, wenn Angela Merkel diesen Kommentar liest und meine Koalitionsidee als Option nimmt, dann ist sie die schwierigsten Regierungspartner los. In der neuen Koalition könnte dann die Grünen das Grüne machen, die CDU die Wirtschaft, die SPD das Soziale und Angela Merkel den Rest, Europa, Verteidigung und so.

Es fröstelt Sie bei diesen Überlegungen? Ja es ist nicht Ihre Heizung, es ist diese Halloween-Überlegung einer möglichen Koalition. Immerhin, diese Koalitionsüberlegung ist wahrscheinlicher als Schwarz/Grün in Rheinland-Pfalz.

Was hatte die CDU bei ihrem Landesparteitag letztes Wochenende noch der rheinland-pfälzischen Wirtschaftsministerin von den Grünen ans Bein gepinkelt (um das mal vornehm auszudrücken). Montag dann das statistische Landesamt: Die rheinland-Pfälzische Industrie ist in den ersten acht Monaten 2012 um 3,8% gewachsen! Bundesweit Spitze! „Mist“ entfuhr es da der Oppositionsführerin, als sie das hörte. Schon wieder ein Argument weniger gegen diese Lemke.

Die Frauen an der CDU-Spitze in Land und Bund ratlos. Eine andere Frau, designierte Ministerpräsidentin, Malu Dreyer, wird hingegen von allen bundesdeutschen Medien ständig um Rat gefragt. Von der Welt bis zur Süddeutschen, vom Spiegel bis hin zum Tagesspiegel, alle wollen von Malu Dreyer alles zur Landespolitik wissen, erklären sie für kompetent und charmant und zeichnen begeisterte Porträts. Wie wir Malu Dreyer kennen, ist ihr das ein wenig peinlich. Aber verdient hat sie das schon. Keine andere Arbeits-, Sozial- und Gesundheitsministerin war im letzten Jahrzehnt der BRD so kreativ und erfolgreich im Beschreiten neuer Wege wie die rheinland-pfälzische.

Ja, die SPD hat sie schon, die fähigen, sozialen und kreativen PolitikerInnen. Vor allem in der jungen Garde, Hannelore Kraft und Malu Dreyer stehen dafür.

In der älteren Garde sieht es nicht ganz so gut aus. Steinbrück solls nun richten. Aber wie? Nun als erstes sollte er mal das unter Kurt Becks Regie entstandene Hamburger Programm lesen und in sein Wahlprogramm umsetzen. Dann sollte er seine Strategie ändern. Wer so hoch zu Ross sitzt, wie Prof. Deubel, kann tief fallen. Mal vom Ross absteigen, näher an die Leut, Peer Steinbrück.

Einen Steinbeck, keinen -brück oder-meier bräuchte die SPD als Kanzlerkandidaten. Erinnern Sie sich noch an die MusikCD mit Schröders Spruch „Gib mir mal ne Flasche Bier, sonst läuft nichts mehr hier?“ Viel sympatischer ist doch die neueste MusikCD mit dem Beck-Spruch. Die hat Rhytmus und Kurt Beck klingt ungemein sympatisch. Diese CD hat das Zeug zum Fastnachts-Hit der kkommenden Saison.

Ja, auch die schwäbischen Teigwarenhersteller, die sich schon überlegten, ob sie ihre Produkte in Zukunft politisch korrekt als „Mundtaschen“ bezeichnen sollten, können nun beim Begriff „Maultaschen“ bleiben.

So sympathisch und authentisch wie Kurt Beck müßte ein SPD Kanzlerkandidat rüberkommen.

PS: Liebe LeserInnen, wenn Sie zu den regelmäßigen LeserInnen dieses Sonntagskommentares gehören, wird Sie sicher interessieren, dass der Kommentator am 28. November in Mainz sein neues Kabarettprogramm aufführt:

„Wer tappt denn hier im Dunkeln?“

Politisches Kabarett von und mit Hans-Peter Terno

Mittwoch, 28.11.11, 18.30h ZsL Mainz, Rheinallee 79-81, 55118 Mainz (erstes OG)

Eintritt 5 Euro (für ZsL-Mitglieder 2,50 Euro).

Mehr Informationen unter: http://www.zsl-mz.de

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