Netzausbau: Bund muss Alternativen prüfen

Stromnetze für die Energiewende – flexibel planen, optimal nutzen

Berlin 31.10.12(ots) Zweite Stellungnahme der Deutschen Umwelthilfe zum Netzentwicklungsplan moniert mangelnde Prüfung technischer Alternativen – Abregelung von Einspeisespitzen bei Wind und Sonne und Flexibilisierung des konventionellen Kraftwerksparks mindern Netzausbaubedarf und schaffen Platz für Erneuerbare – Transparente Darstellung der Notwendigkeit jeder neuen Leitung als Voraussetzung für Akzeptanz – Verlangsamung der Energiewende führt nicht zu geringeren Kosten

Die Deutsche Umwelthilfe e. V. (DUH) hat davor gewarnt, die Energiewende unter dem Deckmantel angeblicher Kostenersparnisse und wegen Verzögerungen beim Bau neuer Hochspannungs-Übertragungsleitungen künstlich auszubremsen. Vielmehr sei das künftige Stromübertragungsnetz so auszugestalten, dass der dynamische Zubau von Wind- und Sonnenenergie ohne Unterbrechung weitergehen könne. Die Netzplanung für die Energiewende müsse deshalb gezielt flankiert werden durch Maßnahmen, die einerseits helfen, überflüssige Stromtrassen zu vermeiden und andererseits Platz schaffen für den weiteren Zuwachs der Erneuerbaren Energien aus Wind und Sonne.

„Die mit dem Netzentwicklungsplan Strom 2012 bisher vorgelegte Ausbauplanung krankt daran, dass technische Alternativen und absehbare Entwicklungen kaum geprüft werden“, sagte der Leiter Erneuerbare Energien der DUH, Peter Ahmels anlässlich der Vorstellung der zweiten Stellungnahme der DUH zum Netzentwicklungsplan Strom 2012 (NEP 2012) und zur Strategischen Umweltprüfung (SUP) zum Bundesbedarfsplan. Dabei stehe ein ganzes Bündel technischer Maßnahmen zur Verfügung, die geeignet seien den Netzum- und -ausbau auf das absolut notwendige Maß zu begrenzen und gleichzeitig die für die Energiewende erforderliche Zubaudynamik bei Wind- und Sonnenenergie abzusichern, erläuterte Ahmels. Er forderte die Bundesnetzagentur auf, ihre Zustimmung zum Planentwurf der Übertragungsnetzbetreiber an entsprechende Hinweise und Prüfaufträge zur schnellstmöglichen Untersuchung solcher Alternativen zu koppeln. Für deren Umsetzung müsse allerdings in den meisten Fällen der Gesetzgeber die Voraussetzungen schaffen.

Eine zentrale Möglichkeit zur Vermeidung von Netzüberlastungen könnte die Abregelung der Einspeisespitzen von Windkraftwerken sein, die nur wenige Stunden im Jahr auftreten. „Unsere Untersuchungen zeigen, dass mit einer Abregelung der Onshore- Windenergieanlagen in Höhe von nur zwei Prozent der in ihnen erzeugten Jahresarbeit mehr als 30 Prozent der Netzkapazität eingespart werden können“, erläuterte der Energieforscher Soroush Nakhaie von der TU Clausthal anlässlich der Vorstellung der Stellungnahme der DUH in Berlin. Statt die Erzeugungsspitzen einfach abzuregeln, könnten sie perspektivisch möglicherweise auch sinnvoll genutzt werden, etwa zur „Betankung“ von Elektroautos oder in Elektrowärmepumpen.

Als weitere Möglichkeiten zur Minderung des Netzausbaubedarfs und zur Schaffung von „mehr Platz für Erneuerbare im Netz“ fordert die DUH die Zurückdrängung von konventionellen Kraftwerken, die heute noch zur Aufrechterhaltung der Systemsicherheit laufen müssen, dabei aber aufgrund ihrer technischen Inflexibilität hohe Mindestleistungen kontinuierlich ins Netz einspeisen (so genannte Must-Run-Units). Außerdem könne durch Modifikationen der Vergütungsmodalitäten im Erneuerbare-Energien-Gesetz ein harmonischerer Zubau von Wind- und Sonnenenergie über ganz Deutschland erreicht werden. Der Bau neuer konventioneller Gaskraftwerke, die in Süddeutschland ohnehin zum Ausgleich abgeschalteter Atomkraftwerke gezielt angereizt werden müssen, würde ebenfalls den notwendigen Stromtransport von Nord nach Süd reduzieren.

Insbesondere im Zusammenhang mit der parallel durchgeführten Strategischen Umweltprüfung zum Bundesbedarfsplan (SUP) warnt die DUH davor, wegen eines angeblich zu hohen Aufwands auf die Prüfung von Alternativen zu verzichten. Diese sei rechtlich zwingend. Der Verzicht etwa auf eine Alternativenprüfung zu den vier im NEP 2012 vorgesehenen Hochspannungsgleichstromübertragungstrassen (HGÜ) führe zu hoher Rechtsunsicherheit. Auseinandersetzungen durch alle Gerichtsinstanzen bis hin zum Europäischen Gerichtshof und damit entsprechende Verzögerungen des Netzum- und -ausbaus seien deshalb nicht auszuschließen. Die DUH moniert außerdem, dass im Hauptszenario der Netzbetreiber Braunkohlekraftwerke trotz einer Verdoppelung des Anteils von erneuerbarem Strom im Netz praktisch rund um die Uhr unter Volllast laufen sollen. Dies sei vollkommen unrealistisch und sei weder mit den bereits heute beobachteten Realitäten noch mit den Energieszenarien der Bundesregierung in Einklang zu bringen.

Zentrales Anliegen der DUH ist es, heute nicht eine Netzplanung irreversibel festzuschreiben, die sich später als übertrieben und zu teuer erweisen könnte. Deshalb müsse die Netzplanung wie die gesamte Energiewende als lernender Prozess angelegt werden, in dessen Verlauf Fehler revidierbar bleiben.

Mit Blick auf den Energiegipfel, zu dem sich Bund und Länder am Freitag in Berlin verabredet haben, warnte der Leiter Politik und Presse der DUH, Gerd Rosenkranz, vor Entscheidungen zur Verlangsamung der Energiewende, wie sie neuerdings auch Bundesumweltminister Peter Altmaier (CDU) ins Spiel bringe. Rosenkranz: „Es ist ein fundamentaler Irrtum, zu glauben, die Energiewende werde kostengünstiger, wenn wir sie langsamer vollziehen. Umgekehrt wird ein Schuh draus: Je länger wir das alte und das neue Energiesystem parallel betreiben, umso teurer wird es für die Gesellschaft, für nachfolgende Generationen und für die Umwelt.“ Rosenkranz erinnerte daran, dass es darum gehe, die Katastrophenrisiken der Atomenergie und die Klimaschäden der fossilen Energien einzudämmen. „Manche, die sich heute zu Wort melden, haben Fukushima und die für zigtausende Menschen auf der Welt schon jetzt tödlichen Folgen der Erderwärmung offenbar schon wieder vergessen.“

Hinweis: Die zweite Stellungnahme zum Netzentwicklungsplan Strom 2012, sowie eine rechtliche Würdigung der fehlenden Alternativenprüfung im Umweltbericht (SUP) zum Bundesbedarfsplan finden sie unter folgendem Link: http://www.duh.de/pressemitteilung.html?&tx_ttnews%5btt_news%5d=2954

Energie, Windkraft, Solarenergie

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