Kommentar: Muße bringt Kraft

von Hans-Peter Terno

Mainz, 01.11.12. In den überwiegend katholischen Bundesländern ist heute Feiertag. „Allerheiligen“ ist der gesetzliche Feiertag, dem am 31. Oktober das Reformationsfest vorausgeht und dem am 2. November „Allerseelen“ folgt. Die Adaption durch das Fernsehen verbreiteter nordamerikanischer Gebräuche brachte für das Reformationsfest eine Doppelbedeutung: „Hallowen“, ein ehemals keltischer Feierttag, heute vor allem für Kinder ein Süßigkeiten-Einsammel-Tag.

Auch der Feiertag Allerheiligen hat eine Vorbedeutung: im römischen Reich war es das Fest aller Götter des Imperiums. Die römische Staatsreligion erkannte alle Götter der eroberten Völker an. Im Rom war der Tempel Pantheon der Tempel aller Götter, die in zahlreichen Nischen ihre Abbilder hatten. Auch für den jüdischen Gott Jahwe gab es eine eigene Nische. Als das christentum Staatsreligion wurde, flogen die anderen Götter raus und das Pantheon wurde zur christlichen Kirche. Das Ende der römischen Toleranz, die erst mit der Aufklärung wieder erwachte.

Das Fest aller Götter wandelte sich unter dem Christentum zum Fest aller Heiligen. Waren die griechisch-römischen Götter, wenn auch eigenwillige Mittler, zwischen Mensch und dem Obergott Zeus/Jupiter, so sind im Katholizismus die Heiligen Mittler zu Gott. So weit zur Festgeschichte.

In vielen Gegenden hat sich der Brauch etabliert, bereits zu Allerheiligen die Gräber der angehörigen zu besuchen und eine Gedenkkerze anzuzünden. Allerseelen müssen die Menschen ja wieder arbeiten. Im spanischen Katalonien erinnern die an diesem Tag zubereiteten und in den Konditoreien angebotenen, Paneets (eine Art Weihnachtsplätzchen) noch an die freudige Bedeutung des Festes aller Götter, in Deutschland hat Trauer den Feiertag fest im Griff. Neben Allerheiligen und Allerseelen gibt es noch den Volkstrauertag (ehemals Heldengedenktag) und den protestantischen Totensonntag.

Der bewegliche Feiertag Allerheiligen ist in den mehrheitlich katholischen Bundesländern arbeitsfrei. Drei der fünf Bundesländer, die diesen Feiertag feiern, sind wirtschaftlich besonders erfolgreich: Bayern, Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz. Wirtschaft und Wirtschaftsverbände fordern immer wieder die beweglichen Feiertage abzuschaffen und sie auf den darauf folgenden Sonntag zu verlegen. So könnten Maschinen- und Produktionsunterbrechungen vermieden werden, was die Wettbewerbsfähigkeit der Wirtschaft steigere. Aus diesem Grunde wurde in Deutschland der Buß- und Bettag abgeschafft, in Spanien vor Jahren die Feiertage Himmelfahrt und Fronleichnam vom Donnerstag auf Sonntag verschoben.Spanien ist trotz Verlust dieser Feiertage aber weniger wettbewerbsfähig als Deutschland.

Das Wirtschaftsdogma der ununterbrochenen Produktion führt immer mehr dazu, daß sich Arbeit verdichtet,das Dogma der Erreichbarkeit in der globalisierten Wirtschaft führt dazu, daß viele auch noch nach Feierabend ihre Mails durchsehen und gegebenenfalls reagieren müssen.

Die Freizeit der Menschen verringert sich und wird zudem mit beruflicher Kommunikation ausgefüllt.

Menschen brauchen aber nicht nur den Schlaf zur erholung, sondern brauchen auch wenn sie wach sind, Gelegenheiten zur Muße, zur Langeweile. Zeit in der sie ihren Gedanken nachhängen können. An ihre verstorbenen Angehörigen beispielsweise denken und ihr Verhältnis zu ihnen aus heutiger Erfahrung neu bestimmen.Das ist wichtig für die seelische Hygiene und bearbeitet, was sonst im Unterbewußten schlummern könnte und sich eines Tages als seelische Störung manifestierte.

Freizeit ist aber auch wichtig, um mit Partnern, Kindern, Angehörigen, Freunden )(natürlich auch immer in der jeweiligen weiblichen Form) Zeit zu verbringen, Freud und Leid zu teilen. Der Mensch ist nicht geboren, um zu arbeiten, sondern arbeitet, um seinen Lebensunterhalt zu bestreiten.

In Hessen ist Allerheiligen kein Feiertag. Also kommen Menschen aus Rheinland-Pfalz, Baden-Württemberg und Bayern nach Hessen zum Einkaufen. In der Regel ist es an Allerheiligen kalt, neblich oder es regnet. Ein guter Grund, in warme Kaufhäuser zu gehen. Eine gute Gelegenheit, über die dortigen Klimaanlagen weit verbreitete Erkältungsviren einzuatmen. Gesünder wäre tatsächlich, wettergemäß gekleidet, einen Spaziergang zu unternehmen. Noch gibt es buntes Laub oder Besonderheiten zu entdecken. Auf dem Mainzer Hauptfriedhof mit seinen historischen Grabdenkmälern findet man um diese Jahreszeit sogenannte Nebelinge. Es sind spiralförmig gedrehte Kerzen, die langsam niederbrennen, wenn nicht gerade ein Sturmtief um die Ecke biegt. Ein solches wird für Morgen erwartet.

Ein Wetter, um zu Hause zu bleiben. Unser Rat: machen Sie den Fernseher aus, schließen Ihr Notebook (nachdem Sie die Landeszeitung zu Ende gelesen haben), machen Sie sich einen aromatischen Tee und lesen Sie mal wieder ein Buch. Die Welt, die sich Ihnen dann öffnet, entführt Sie aus Ihrem Alltag und schenkt Ihnen Muße.

Feiertage können heilsam sein, wenn sie zur Muße genutzt werden. Die Trauertage im November haben noch einen Vorteil: Der weihnachtliche Hauptkonsumterror beginnt erst nach Totensonntag.

Wenn Sie morgen frei genommen haben, nutzen Sie die vier Tage zur Entspannung, das wappnet Sie für den Vorweihnachtsstress. Muße tut gut.

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