Kommentar zum 9. November

von Hans-Peter Terno

Mainz, 09.11.12. An einem neunten November wurde die Republik nach Ende des 1. Weltkrieges und der Abdankung des Kaisers verkündet. An einem neunten November fielen SA, SS und mit ihnen viele Bürger über die noch damals nicht emmigrierten Juden, her, drangen in ihre Wohnungen und Geschäfte ein und zerstörten diese. Die Synagogen brannten. Auch die im heutigen Rheinland-Pfalz. In zwei wiederaufgebauten Symagogen in Mainz und Worms erinnern heute Gedenkfeiern an das abscheuliche Progrom 1938. Drei Jahre später begann die Deportation der Juden in die Konzentrationslager zur industriell organisierten Massenermordung. Dann wieder ein neunter November und die Mauer zwischen Ost- und West-Berlin öffnete sich. „Jetzt wächst wieder zusammen, was zusammen gehört“, war der denkwürdige Ausspruch Willy Brandts mit dem er die Hoffnung vieler Deutscher begründete.

Heute, an diesem neunten November, besuchen Landtagsabgeordnete die Schulen in Rheinland-Pfalz und diskutieren mit SchülerInnen einiger Klassen über diesen geschichtsträchtigen Tag.

Schade, daß die vereinte Bundesrepublik nicht den Mut hatte, den Neunten November zum nationalen Feier- und Gedenktag zu erklären.

Die erste Deutsche Republik im vergangenen Jahrhundert war keine einfache Geburt. In Bayern hielt sich für eine kurze Zeit eine Räterepublik. Pseudomilitärische Freikorps gefährdeten von Anfang an die Sicherheit der Republik, in der politische Morde die Unsicherheit deutlich machten. In Mainz erinnert die Stresemann-Gedächtnisstätte an das prominenteste Opfer politischer Morde in der Weimarer Republik. Dieser war kein langes Leben beschieden. Nach 15 Jahren kamen durch die Unterschrift des Reichspräsidenten Hindenburg die Nationalsozialisten an die Macht, obwohl sie in der vorangegangenen Wahl Stimmen verloren hatten. In Mainz gibt es noch heute eine Hindenburgstraße und einen Hindenburgplatz.

Das sogenannte 3. Reich, dessen tausendjährigesBestehen Adolf Hitler verkündete hatte, dauerte nur 12 Jahre von 1933 bis 1945. Diese 12 Jahre haben Europa und die Welt so verändert, wie keine tausend Jahre zuvor.

Nach diesen 12 Jahren war Europa in weiten Teilen zerstört. Der Kontinent schied sich in westlich-demokratische Staaten und und sozialistische Volksrepubliken. Die Atombombenabwürfe auf Japan läuteten ein höchst gefährliches Zeitalter der Abschreckung ein, den kalten Krieg, der mehrmals auf der Schwelle zum heißen Krieg stand.

Nach dem 2. Weltkrieg waren die europäischen Alliierten so geschwächt, daß sie zunehmend ihre Kolonien nicht halten konnten. Sie wurden – vor allem in Südost Asien, Vorderasien und Afrika – unabhängig und allmählich selbstständig. Rechtsextreme Weltanschauungen und kolonistische Verhaltensweisen sind in Europa allerdings nicht ausgestorben.

An einem neunten November schließlich öffnete sich die Berliner Mauer. Deutsche aus Ost und West kamen sich, zunächst sehr fremdelnd, näher. Die DDR trat der Bundesrepublik bei, die Staaten des Ostblocks demokratisierten sich mit mehr oder weniger andauerndem Erfolg.

Drei Mal neunter November, drei Mal deutsche Geschichte verbunden mit der Hoffnung auf Demokratie und Frieden, der Massentötung von politischen Gegnern, Juden, Sinti und Roma, Homosexuellen, behinderten Menschen.

Ein Stückchen Berliner Mauer steht in Mainz an der Auffahrt zur Theodor-Heuss-Brücke, schräg gegenüber der Gustav-Stresemann-Gedächtnisstätte im Zeughaus (heute Staatskanzlei). In den drei Städten des Landes, in denen im Mittelalter Menschen jüdischer Religion bedeutende Rollen einnahmen, sind Synagogen wiederaufgebaut oder neu errichtet, so in Speyer, Worms und Mainz.

Letzlich haben Demokratie und Frieden am Ende des letzten Jahrhunderts gesiegt. Wie gefährdet dieser Sieg ist, zeigt nicht zuletzt die rassistische Mordserie des NSU. Deshalb müssen wir an diesem neunten November, Republikgründung, Reichs-Judenprogrom, Rassismus, 2. Weltkrieg und die deutsche Einigung zusammen bedenken. Nur dann können wir Menschenrechte, Demokratie und Frieden im Inneren und nach Außen bewahren.

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