Sonntagskommentar: Malu Dreyer toppt alle

von Hans-Peter Terno

Mainz, 11.11.12. Der 11.11. hat für die Fastnachtner eine ganz besondere Bedeutung: Pünktlich um 11.11h beginnt ihre sogenannte Kampagne, die „närrische Jahreszeit“. Außer dem öffentlichen Ramba Zamba im überschaubaren Kreis finden die ersten Veranstaltungen im Saal statt. Auch im November gibt es schon Fastnachtssitzungen, im Dezember ist dann Pause und ab Sylvester mündet die Kampagne in ihre heiße Phase.

Viele Fastnachter sind gut katholisch. Alte Mainzer Familien, wie die Familie Gottron, stellten sowohl wichtige Repräsentanten in der katholischen Kirche als auch in Fastnachtsvereinen. „Messfremde“, also aus unfastnachtlichen, protestantischen Gegenden in Deutschland stammend, wundern sich dann schon, wenn ihre gut katholischen Nachbarn heute morgen in die Messe in Dom oder Stephanskirche gehen um dann anschließend auf dem nahen Schillerplatz die Fastnacht um 11.11h zu begrüßen. In zehn Minuten ist man von beiden Kirchen eben, selbst wenn man schlecht zu Fuß ist, am Schillerplatz. Mainzer Fastnacht karikiert traditionsgemäß Militär (auch wenn sich so mancher Generalfeldmarschall einer Garde wichtiger vorkommt als ein amerikanischer 5-Sterne-General). Der Ort der Proklamation ist daher bewusst am Schillerplatz angesiedelt, am Haus des ehemaligen französischen Militärsitzes zu Zeiten Napoleons. Ein napoleonischer General verbot die Fastnacht, die Mainzer feierten trotzdem und sangen ihm zum Trotze, seinen Namen verballhornend „Ritzambaa, Ritzambaa, morje is die Fassenacht da“.

Zum Mittagessen an diesem Sonntag nimmt so mancher Fastnachter seine Martinsgans zu sich, vielleicht im ältesten Mainzer Gasthaus, dem „Specht“ in der Roten-Kopf-Gasse. Die ist nah an Liebfrauen- und Marktplatz, die den Dom Richtung Osten und Norden umfassen. Dort beginnt dann bei Anbruch der Dunkelheit der Martinszug. Der Abend lässt sich dann schön bei einer Fastnachtssitzung beschließen. Aufgrund der zahlreichen Fastnachtsvereine und Fastnachtsgarden gehen diese Sitzungen zur Kampagneneröffnung bis Ende November und kollidieren so mit manchem Totengedenktag oder vorweihnachtlichem Basar.

Diese Mischung aus Totengedenken, Fastnacht und Vorweihnacht gibt dem November in Mainz ein besonderes Gepräge und der Stadt ein eigenes Klima: NICHTS wird hier so richtig ernst genommen. Die Tragik im Komischen und das Komische in der Tragik ist den Mainzern wohl bewusst. Das lässt sie tolerant sein und verhindert weitgehend Ghettobildungen. Migranten, die sich oft ihrer Herkunftskultur mehr verbunden fühlen als der deutschen, sind trotzdem froh, in Mainz zu leben und bezeichnen sich als Mainzer. So, wie sich die Mainzer an den protestantisch-zurückhaltenderen Wiesbadenern reiben, so geht es den Mainzer Italienern mit den Wiesbadener Italienern.

Trauer und Freude kennzeichneten auch den SPD-Landesparteitag vom Samstag. Kurt Beck, in der SPD weiter hoch beliebter Parteivorsitzender und Ministerpräsident, gab sein Amt als Landesvorsitzender aus gesundheitlichen Gründen ab und schlug die Kandidatin für seine Nachfolge, Malu Dreyer, vor. Über 300 alte Weggefährten waren neben den 420 Delegierten in den Gutenbergsaal der Rheingoldhalle gekommen. Viele Gäste, die drinnen keinen Stuhl gefunden hatten, hörten sich im Foyer die Übertragung der Reden an. Rührung erfasste viele bei der Rede des Ministerpräsidenten. Kurt Beck dankte dafür, dass ihm als „Maurersohn“ die Leistung des Ministerpräsidenten zugetraut wurde. Kurt Beck zeigte sich stolz auf seine sozialen Erfolge, kostenlose Kindergärten, Ganztagsschule, kostenfreies Erststudium nannte er als Beispiele für soziale Gerechtigkeit. Diese Leistungen wurden möglich, weil unter seiner Leitung Rheinland-Pfalz vom Schlusslicht der Bundesländer wirtschaftlich in die Spitzengruppe aufrückte. Beck hat es geschafft, soziale Gerechtigkeit mit wirtschaftlichem Erfolg zu vereinen. Da, wo dieser nicht gelang, am Nürburgring, zeigte sich Kurt Beck selbstkritisch.

Malu Dreyer, die sich am 16. Januar der Wahl zur Ministerpräsidentin stellt, setzte in ihrer bewegenden Rede ebenfalls auf „soziale Gerechtigkeit“ und den „sozialen Kompass“, der in der heutigen Politik unerlässlich sei. Deshalb gehörten Sozialdemokraten in die Regierungsverantwortung. Die Frau, die eine eindrucksvolle Bilanz als Sozialministerin vorlegen kann, will sich aber auch schwierigen Themen wie dem Nürburgring widmen. In ihrem Ministerium, zuständig auch für die Krankenhäuser, ambulante Versorgung und Pflege, Werkstätten für Behinderte, das Landesamt für Soziales und seinen nachgeordneten Ämtern für soziale Leistungen, beweist Malu Dreyer täglich wirtschaftliche und soziale Kompetenz. So kreativ, sachorientiert und effizient ist keine andere Politikerin oder Politiker als Sozialminister in Deutschland tätig. Den Grund nannte Kurt Beck: „Malu Dreyer macht Politik mit dem Herzen“. Einstimmig wurde die einmalige Politikerin, die offensiv mit ihrer „Gehbehinderung“ umgeht, als Kandidatin für das Amt der Ministerpräsidentin nominiert. Einstimmigkeit ist bei Nominierungen auf Parteitagen extrem selten.

Roger Lewentz, Innenminister und Parteiratsvorsitzender, wurde mit beachtlichen 95,3% als Parteivorsitzender gewählt. Im Zeichen der Schuldenbremse ist Roger Lewentz für Polizei, Feuerwehr und Kommunal- und Verwaltungsreform zuständig. Viele der Delegierten kommen aus diesen Bereichen, wo sie Einschnitte erleben müssen, viele sind Beamte, die jährlich in dieser Legislaturperiode nur 1% Gehaltserhöhung bekommen. 95,3%für den verantwortlichen Minister sind da schon hervorragend und zeigen, wie gut der Politiker und ehemalige Generalsekretär in der Partei vernetzt ist. Roger Lewentz stellte sich und den Landesvorstand hinter Malu Dreyer, die klar die Nummer Eins der Partei ist. „Wir sind ein Team, weder Tandem noch Troika!“, betonte Lewentz.

Unter den Delegierten waren auch andere, die sich die Medien als Nachfolger vorstellen konnten, vor allem Doris Ahnen und Hendrik Hering (wieder Stellvertreter), Jochen Hartloff und Carsten Kühl. Es ist schon ein kleines Wunder, dass Kurt Beck nach 19 Jahren als Parteivorsitzender und 18 Jahren als Ministerpräsident so viele mögliche Nachfolger hatte. Andere Führungspersönlichkeiten, wie die Bundeskanzlerin, haben ihre möglichen Nachfolger/innen weggebissen.

Eine mögliche Nachfolgerin, die sich von Angela Merkel nicht wegbeißen lässt, ist Ursula von der Leyen. Selbst dann nicht, wenn ihr der Koalitionsausschuss nur ein Renten-Torsochen, die sogenannte „Lebensleistungsrente“, durchgehen ließ. Die kam dann am Freitag im Bundestag nicht auf die Tagesordnung. Nur das Betreuungsgeld, das etwas widerwillig von der Koalitionsmehrheit verabschiedet wurde und die einstimmige Abschaffung der Praxisgebühr. Ramsauer bekam für sein Ministerium mehr Mittel, die, teilt man sie unter den 16 Bundesländern, auch nicht viel bewegen. Die rheinland-pfälzische Oppositionsführerin forderte, die Mittel für Rheinland-Pfalz zum Ausbau der Moselschleuse bei Trier zu nutzen. Diese Investition hatte Ramsauer aber bereits vor dem Mittelzufluss zugesagt. Die Forderung der wie so oft überforderten CDU-Politikerin hätte vielmehr heißen müssen: beschleunigter Ausbau ALLER Moselschleusen. Zwischen Trier und Koblenz hat die Mosel ja noch einen weiten Weg vor sich…

Malu Dreyer, die heute in Trier wohnt, hat auch noch einen weiten Weg vor sich bis zur Landtagswahl 2016. Die Delegierten des Parteitages waren aber sehr optimistisch, dass sie dann die Wiederwahl zur Ministerpräsidentin schafft.

This entry was posted in Allgemein and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.