Sonntagskommentar: Weihnachtsgeschenke sind Wahlgeschenke

von Hans-Peter Terno

Mainz, 02.12.12. Jetzt mehren sich wieder die Meldungen über die Einzelhandelsumsätze. Schließlich hängen viele Branchen, wie z. B. der Buchhandel, ganz wesentlich vom Weihnachtsgeschäft ab. So richtig konsumfreudig scheinen die Bundesbürger dieses jahr aber nicht zu sein. Stiegen die Einzelhandelsumsätze bis zum Sommer, so brachen sie im Oktober gleich um 2,8% ein. Nur der Internet-Versandhandel legte weiter zu. Jetzt werden wir bis Weihnachten Montag für Montag die Ergebnisse von der Verkaufsfront in den Läden hören. Steigt der Weihnachtsumsatz im Gegensatz zum Vorjahr oder sinkt er? Wachstum oder Flaute?

Mut hat die Nürnberger Gesellschaft für Konsumforschung GfK den Menschen ja gemacht. Nach ihren Erhebungen sind die Menschen konsumfreudig. Aber in vielen Branchen und Bereichen des öffentlichen Dienstes fehlt ein Konsumhauptmittel ganz oder teilweise: das Weihnachtsgeld. Das, was davon übrig geblieben ist, braucht der Mensch dringend für die Jahresversicherungsbeiträge im Januar und die wiederkehrenden Abgaben fürs Reihenhäuschen. Außerdem ist im Januar alles billiger: Winterschlußverkauf Ende Januar, aber schon am 27. Dezember, dem heimlichen dritten Feiertag, sinken die Preise. Dann dürfen die Menschen endlich das feiertägliche Gefängnis verlassen und ihre – dieses Jahr nicht so ganz üppigen – Geldgeschenke ausgeben.

Zumindest bei den Angestellten der eingestellten Financial Times, denen der insolventen Frankfurter Rundschau, den kurzarbeitsbedrohten Opelanern, Fordianern, Mitarbeitern von Thyssen-Krupp und der Salzgitter AG (die auch unter Kurzarbeit leiden), den Mitarbeitern der Luxusklasseproduktion von Mercedes und nicht zuletzt den auf 1% Gehaltssteigerung reduzierten rheinland-pfälzischen Beamten, dürfte das Geld für Weihnachtsgeschenke dieses Jahr nicht so ganz locker sitzen. Die richtig reichen 10% unserer Gesellschafthaben mit ihrem Geschenkebudget zwar keine Probleme, ihr Reichtum steigt unablässig, aber um nicht den Zorn derjenigen, deren Armut steigt, auszulösen, gehen die Reichen lieber in New York, London oder Paris shoppen. Ja, selbst Amtsleiterinnen haben sich schon auf eine Tochtergesellschaft eine EC-Karte ausgestellt, um am Golf Schuhe kaufen zu können. Super, so eine Luxusreise an den Golf, wenn man sonst nur Golf fährt. Aber ob die Geschichte stimmt oder nur gemeines Mobbing war, weiß man nicht. Wenn sie gelogen ist, dann gut.

Nun gibt es auch so bedauernswerte Menschen, die keine Zeit und Gelegenheit zu vorweihnachtlichen Einkaufstouren haben. Unsere Bundeskanzlerin, beispielsweise. Wie und wo kauft sie ihre Weihnachtsgeschenke? Der Schlips für ihren Mann kommt wohl aus dem Internet. Die Kopfnüsse für die Koalitionspartner von ihrer linken Hand und die Schienbeintritte für ihre Sozialministerin von ihrem rechten Schuh. Angela Merkel trägt derzeit besonders scharfkantige Schuhe, ob Ursula von der Leyen deshalb vermehrt Hosen trägt? Es könnte natürlich auch das Klima sein. Es ist kalt geworden. Der erste Schnee liegt auch schon rum. Da lockt der Glühwein auf dem Weinachtsmarkt und die Kartoffelpuffer dorten locken auch. Dann aber wegen des Bauchgrimmens und der Kälte einen Grog in der Kneipe um die Ecke. Meine Mutter hatte mir früher übrigens vom Grog-Rezept meines Opas erzählt: Rum muß sein, Zucker sollte sein und Wasser kann sein. Er trank den Rum auch pur, mein Opa, wenn er ihn denn kriegte nach dem Zweiten Weltkrieg.

In Deutschland kriegen wir im Prinzip alles, wenn wir denn das Geld dafür haben. Das ist ungleich verteilt. Längst schon besuchen auch Eltern mit gesicherter Arbeit die Basare in den Kindergärten und Kirchen, um Kleidung und Geschenke für die Kleinsten zu erstehen. Basare und Flomärkte sind neben dem Internet die Hauptkonkurrenten des Kinder-Fachhandels (Kleider und Spielzeug).

„Frau Dr. Merkel, es ist doch gerade Vorweihnachtszeit, wie wäre es denn mit einem Geschenkgutschein für Eltern? Einlösbar nur im Kinderfachhandel für nachgewiesenermaßen deutsche Produkte?“ – Wir sollen nicht so laut sein, sonst könnte das Frau von der Leyen hören? Gerade erst hat sich die Bärin (urs: der Bär, Ursula die Bärin?) in der Armutswunde ihre Finger verbrannt. Da strich ihr doch Röslerle die Hinweise auf die immer weiter auseinanderklappende Einkommensschere zwischen Reichen und Armen aus ihrem Reichtumsbericht. Auch sonst wurde viel in dem Bericht geglättet. Getreu der FDP-Devise: „Was nicht sein kann, darf nicht sein“.

Ein Weihnachtsgeschenk für die Versicherungswirtschaft gibt’s von der FDP auch: Der Pflege-Bahr, der wird der privaten Pflege-Versicherung sicher einen Schub geben. Die gesetzliche Pflegeversicherung deckt ja nur einen Teil der Pflegekosten…

Ja, die Weihnachtsgeschenke der Koalition. Auf dass sie noch kommende Weihnachten im Amt ist, schenkt sie reichlich: Seehofer das Betreuungsgeld, Ramsauer streicht Punkte in Flensburg und verschiebt die KfZ-Maut bis nach den Wahlen. Dorthin verschiebt Altmaier auch die Erkundung Gorlebens als Endlager. Der Rentenbeitrag wurde gekürzt, die Quartalsgebühr von 10 Euro für die Patienten gestrichen. Ja, selbst die Zusatzkosten für die Griechenland-Rettung sind auf die Zeit nnach der Bundestagswahl verschoben. Ein Verschiebebahnhof sondergleichen! Wetten, dass das Gerede vom ausgeglichenen Haushalt 2014 Humbug ist?

Auch die Grünen machen sich wahlschön. In Baden-Württemberg kommen sie ja wie eine geläuterte CDU einher. „Wir wollen nicht mit der CDU koalieren, wir wollen deren Stimmen“, tönen die Grünen selbstbewusst. Ja, der Erhalt der Umwelt hat schon etwas Konservatives. Jetzt ist sogar ein Präses der evangelischen Kirche Spitzenkandidatin der Grünen für die Bundestagswahl.

So viel Christentum und Konservatismus bei den Grünen, das lässt Julia Klöckner nicht kalt. Stolz verkündete sie, dass sie schon im ersten Wahlgang in das Spitzengremium des Zentralkommitees der Katholiken gewählt worden sei und gibt jeder katholischen Kirchenzeitung, die das will oder nicht, ein Interview über ihren katholischen Glauben. Aufgepasst, Protestanten in der CDU: Julia Klöckner führt die Gegenreformation an. Da kann sie ja beim Glühwein auf den Weihnatsmärkten die Gleichgesinnten missionieren. Mittelrheintal und Moseltal sollte sie aber meiden. Deren Anwohner sind von der schwarz-gelben Koalition in Berlin bitter enttäuscht. Die Damen und Herren Bundestagsabgeordneten von CDU und FDP lehnten wirksame Maßnahmen zur Lärm-Mindung im Bahnverkehr an Rhein und Mosel ab.

Ja, Weihnachten, ein, das (!) christliche Fest, ein türkisches Lichterfest, Fest der Wintersonnenwende, des Sol Invictus… Weihnachten hat viele Festbedeutungen. Allen gemeinsam ist die Hoffnung. Hoffnung auf den in drei Monaten nahenden Frühling, beispielsweise. Ernüchterte Hoffnung auf einen Arbeitsplatz 2013 oder endlich ein existenzsicherndes Einkommen.

Hoffnung auf Vernunft. Beispielsweise in der EU. Es ginge so einfach: gleiche Steuersätze in allen EU-Staaten, eine gemeinsame Steuerverwaltung und gemeinsame Verfolgung säumiger Steuerzahler, wie z. B. griechischer Millionäre und deutscher Steuerflüchtlinge. Ein bisschen Hoffnung birgt Weihnachten doch immer.

P.S. Erschrecken Sie nicht, wenn Sie den Redakteur kommende Woche, wahrscheinlich Montag, in der Landesschau sehen. Der SWR wollte wissen, was er auf einer einsamen Insel machen würde. Wissen Sie was? Klar: Zurückfahren!

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