Sonntagskommentar: Das IKEA-Prinzip

von Hans-Peter Terno

Mainz, 15.12.12. Menschen meines Alters sind nicht nur von bei diesem Wetter schmerzenden Gelenken geplagt, sie erinnern sich auch noch an „die gute alte Zeit“, in meinem Fall die 50er und 60er Jahre. Spätestens seit dem Roman der Frau Krechel, zum Buch des Jahres 2012 gekürt, weiß man, daß die 50er und 60er Jahre gar nicht so sehr „gute alte Zeit“ waren. Die Restauration der Adenauer-Ära funktionierte mit alten NS-Parteigenossen, sei es in der Justiz, in den Schulen oder der Wissenschaft.

Weshalb dann „gute alte Zeit“? Wenn das Telefon nicht ging, kam ein Monteur von der Post und behob das schnell. Gehen Telefon und Internet-Anschluss heute nicht (wie in den letzten Tagen bei der landeszeitung-rlp), erfolgt ein Anruf bei der Störungsstelle. Zunächst Kommunikation mit einem Sprachcomputer. Spätestens bei der Frage, ob man eine SMS wünsche, scheitert der blinde Anrufer. Erlösende Bitte, den Anruf aufzeichnen zu dürfen. Dann wird man mit einem freundlichen Menschen verbunden. Der misst die Leitung durch, meint das läge an der ISDN-Box und schickt eine neue. Die ISDN-Box war es aber nicht. So geht es mit den anderen Komponenten des Netzwerkes, bis sich schließlich dann doch ein Monteur ankündigt, ob es geklappt hat, wissen Sie, wenn Sie diesen Sonntagskommentar lesen. Wir sind dann wieder online.

Wollte man in den 50er Jahren einen Schrank kaufen, ging man in ein Möbelhaus in der Innenstadt oder bestellte ihn im Versandhaus auf Raten. Wurde der Schrank geliefert, wurde er natürlich zusammengebaut. Das änderte sich mit IKEA: Selbstbedienung, Kauf nicht montierter Möbel-Einzelteilpakete. Weitere Besuche bei IKEA bis dann wirklich alle Schrauben, Dübel und Stifte zusammen sind, um das Möbel zu montieren.

Die Liste ließe sich lange fortsetzen. Das Prinzip ist klar: ein Teil der Fabrikation wird auf den Kunden verlagert. Dabei werden die Produkte nicht unbedingt billiger, der Gewinn des Herstellers aber steigt.

Das IKEA-Prinzip ist längst in der Medizin angekommen. Wurde man früher am Blinddarm operiert, wurde man aus dem Krankenhaus entlassen, wenn die Wunde verheilt war. Heute erfolgt die Entlassung, wenn die größte nachoperative Gefahr vorbei ist. Die Heilung und eventuell notwendige postoperative Pflege müssen zu Hause stattfinden. Viele Operationen, die postoperative Hilfe erfordern, werden komplett ambulant erledigt. Weh‘ dem, der keine Angehörigen hat.

Unter Angela Merkel hat sich das IKEA-Prinzip bis in die Politik fortgesetzt. Willy Brandt noch wusste genau, welche Politik er wollte und wie er sie umsetzen konnte. Angela Merkel fragt, welche Politik die Mehrheit im Parlament will und dann, wie diese Politik wohl umzusetzen sei. Sie hat die anderen EU-Regierungschefs angesteckt. Freitag beschlossen sie ein Reform- und Konjunkturankurbelungsprogramm, das noch nicht existiert. EU-Präsident van Rompuy soll einen Vorschlag hierzu im nächsten halben Jahr ausarbeiten. Bis das dann beschlossen ist, sind Bundestagswahlen. Danach erfahren dann die geneigten Wähler und Wählerinnen, was sie das kosten wird. Garantiert mehr, als wenn man das Paket schon jetzt hätte. So dräut ein weiteres Jahr Wirtschaftsschrumpfung in den Südländern der EU. Auf Geheiß der selbsternannten schwäbischen Hausfrau von der Insel Rügen (Angela Merkel) müssen diese Länder mehr sparen, als es ihrer Wirtschaft gut tut.

Wenn die Wirtschaft schrumpft, sinkt das Bruttosozialprodukt. Da können selbst die Schulden schrumpfen, wie jetzt bei Griechenland, im Verhältnis zum Bruttosozialprodukt steigen sie.

1998, bei der letzten Wirtschafts- und Finanzkrise, gab’s unter Merkel mit ihrem Finanzminister Peer Steinbrück ein Konjunkturprogramm in Bund, Ländern und Kommunen. Das Ergebnis: der Absturz der Wirtschaft in Deutschland blieb aus, und seit 2011 wuchs die Wirtschaft hierzuland kräftig. Momentan allerdings nicht. Die Südländer müssen zu sehr sparen und können kaum noch importieren. Merkels Waffenexportoffensive kann diesen Rückgang auch nicht ausgleichen.

Vielleicht hülfe es ja, wenn Peer Steinbrück bei nächster Gelegenheit Kanzler würde… Die Groß-Journalistinnen und -Journalisten wollen dies aber wohl nicht. Was haben Bildzeitung, Stern und die ARD-Talkshows nicht alles getan, um die SPD zu Peer Steinbrück als Kanzlerkandidaten zu bekehren. Jetzt kandidiert Steinbrück und vertritt – welch Skandal – SPD-Forderungen wie Mindestlohn und Frauenquote. Steinbrück will mehr als Merkel. und er weiß sogar, was er will und sagt es auch. Da kann Merkel-Freund Patrick Blome (stv. Bild-Chefredakteur) nicht anders, er muss in die Talkshows zu Steinbrück in Phoenix und ARD. Da wählt sich Anne Will als Talkshowthema: „Wie glaubwürdig ist Peer Steinbrück?“, um diese Frage bereits in der Anmoderation mit „gar nicht“ zu beantworten. Auch Blome scheint noch ein paar Pfeile im Köcher zu haben. Bei Phoenix meinte er, Steinbrück habe bei der Vortrags-Honorar-Sache erstaunlich dünnhäutig reagiert. Er wolle abwarten, ob das auch bei anderer Gelegenheit geschehe. Der Stern wollte Donnerstag mit einer Geschichte kommen, dass Steinbrück vor einigen Jahren an einer Party eines Lobbyisten teilgenommen habe. SPD-Politiker sollen offenbar sittsamer sein als der Papst…

Hierzuland scheint die CDU-Opposition einem IKEA-Kunden zu ähneln, der gleich mehrere Möbelpakete ausgepackt und ihre Einzelteile durcheinander gebracht hat. Anstatt ein eigenes Konzept für den Hahn zu entwerfen, fragt sie die Regierung nach deren Konzept. Das ist allerdings klar erkennbar: Trennung der Liegenschaft in den Teil der für den Flugbetrieb notwendig ist und in eine Konversionsfläche mit Polizeischule und anderen Landeseinrichtungen. Jetzt ist es auch gelungen, Ryan-Air zu 1,50 Euro Abgabe pro Passagier zu bewegen, eine alte Forderung aus der Zeit, in der die FRAport noch am Flughafen Hahn beteiligt war. Bis März wird die internationale Ausschreibung zur Privatisierung des Flughafen erarbeitet. Offenbar ist das alles an der Opposition vorbei gegangen.

Vielleicht war die CDU ja zu sehr damit beschäftigt, über die gescheiterten Flughafenpläne ihres Abgeordneten Michael Billen in Bitburg den Kopf zu schütteln. Vielleicht aber blickte sie auch mit Angststarre auf das Bundesgericht, das über den Billen-Freispruch des Landgerichts Landau zu entscheiden hatte. Das Gericht hat Freitag entschieden: der Fall Billen und Tochter wird erneut aufgerollt, vor dem Landgericht Frankenthal. Den Landauern traut das Bundesgericht offenbar nicht über den grünen Klee… Kein Wunder, musste die Staatsanwaltschaft seinerzeit schon höchsten Druck ausüben, um das Landauer Landgericht dazu zu bewegen, über den Geheimnisverrat des CDU-Landtagsabgeordneten Billen überhaupt zu verhandeln. Es lässt sich eben nicht alles unter den Teppich kehren, auch nicht bei der CDU.

Eigenwillige Rechtsauffassungen sind der Opposition ohnehin zu eigen. Die UN-Behindertenrechtskonvention, immerhin verbindliches Völkerrecht, von Bund und Land ratifiziert, schreibt Inklusion von Anfang an vor. Also gemeinsame Erziehung und Ausbildung von Menschen mit und ohne Behinderung in Kindertagesstätten, Schule, Berufsausbildung und Studium. Die bildungspolitische Sprecherin der CDU und ihre Partei kämpfen aber für Exklusion, also Aussonderung behinderter Menschen in Förderschulen, und behaupten. das sei im Sinne der UN-Behindertenrechtskonvention. Wie kann eine so verquere Rechtsauffassung in einer Partei um sich greifen, unter deren Abgeordneten so viele Juristen sind?

P.S.: Offenbar arbeitet die Telekom noch am Internet-Zugang. Deshalb wird dieser Kommentar über einen Umweg in die Zeitung eingespiegelt.

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