Studenten hinterfragen Talk-Shows

Die Talk-Republik“ – Köpfe, Konzepte, Kritiker

Studierende der Universität Koblenz-Landau nehmen die Talk-Landschaft im deutschen Fernsehen in einer aktuellen Dokumentation unter die Lupe

Mainz/Landau 08.01.13. Talksendungen liegen im Trend. Kein Abend, an dem nicht auf irgendeinem TV-Programm eine Runde von Politikern, Wirtschafts-Vertretern, Experten, Betroffenen und TV-prominenten Journalisten zusammenkommt, um die aktuelle Lage Deutschlands und der Welt zu verhandeln. Inszenierte Unterhaltung im Rahmen zugewiesener Meinungs-Rollen verdrängt meist die argumentativ unterlegte Analyse. Studierende der Universität in Landau haben sich intensiv mit dem Genre der Talkshow unter dem Blickwinkel der Politikvermittlung beschäftigt.

Entstanden ist eine Dokumentation mit genauen Beobachtungen und detaillierten Analysen von 22 sehr unterschiedlichen Talk-Formaten. Im Rahmen eines Seminars an der Universität Koblenz-Landau, Campus Landau, haben sich 35 Studierende mit der „Talk-Republik“ befasst. Ihr Anliegen war es, dem Fernseh-Phänomen der Talkshow näher zu kommen, es zu durchdringen und die heimlichen redaktionellen Logiken der Macher zu entschlüsseln. Im Zentrum standen die Fragen, welche Rolle Talkshows für die Politikvermittlung in Deutschland spielen könnten und wie eine `ideale Talkshow` aus der Perspektive interessierter Zuschauer konzipiert sein müsste.

Die Studierenden kommen in ihren Analysen, die sich auf das gesamte bundesdeutsche Talk-Angebot beziehen, in der Tendenz zu ähnlichen Ergebnissen wie der ARD-Programmbeirat in seiner internen Untersuchung von Mitte 2012: zuviel Gleichförmigkeit bei Köpfen und Konzepten, zuwenig Tiefe bei der Präsentation der Argumente, zuviel Meinungsabfrage und zu wenig echter Gedankenaustausch. Eine überschaubare Zahl von Gästen wechselt sich in regelmäßigen Abständen ab, der Faktor „Gesichtsbekanntheit“ und „kalkulierte Positions-Rolle“ hat eine zentrale Bedeutung bei der Besetzung der Positionen. Die Themen und Inhalte der Sendungen sind allzu oft reaktiv, reflektieren erwartbare Gedanken, argumentativ gestützte Wortduelle und überraschende Sichtweisen haben Seltenheitswert. Print- und Onlinemedien lassen in ihren Dauer-Rezensionen meist – unabhängig von Konzept, Besetzung und Moderationsleistung – kein gutes Haar an den Talkshows. Damit wiederholen sie im Stil die wenig differenzierten Methoden, die sie selbst an den Talkshows kritisieren.

Die Studierenden fanden zudem heraus, dass eine ‚ideale‘ Talkshow die größte Chance besitzt, einen Beitrag zur politischen Willensbildung zu leisten, wenn sie eigene Erkenntnisse der Zuschauer durch die Präsentation vielfältiger Argumente zu den Sachthemen ermöglicht und fördert. Der Zuschauer soll nicht nur durch die emotionale Bestätigung seines bisherigen Standpunktes bei Laune gehalten werden. Wenn Themen journalistisch sauber aufbereitet werden, kommen neue Blickwinkel in eine Diskussion. Recherchierte Fragen und klare Schwerpunkte bieten die Chance für überraschende Sichtweisen. Die Themen einer Talkshow müssten nicht zwangsläufig die lautesten auf der politischen Agenda sein, um Beachtung zu finden. Die Redaktionen der Talkshows müssten mutiger werden, eigene Themen-Akzente setzen und unverbrauchte Köpfe präsentieren und so über den Tellerrand des Mainstreams der Politik-Berichterstattung hinausblicken, so die Studierenden. Dabei gilt: Information und Unterhaltung schließen sich nicht aus, beide Pole können sich ergänzen.

Streitthema Talk-Shows

Die Analyse der Sendeprofile erscheint zu einem Zeitpunkt, an dem grundsätzlich über die Anzahl und journalistische Ausstattung der zentralen Talkshows gestritten wird. Seit Günther Jauch (RTL) im September 2011 den Sonntagabend-Talk in der ARD moderiert, gibt es alleine im Ersten fünf prominent platzierte Talkshows in der Woche. Dopplungen von Gästen und Themen sind an der Tagesordnung, die Sendungen scheinen in ihre Machart teilweise austauschbar zu sein. Im Sommer 2012 begann in Folge der Veröffentlichung eines internen Positionspapiers des ARD-Programmbeirates eine sender-interne Debatte, an deren Ende im Frühjahr 2013 gravierende Veränderungen der Talk-Landschaft stehen werden. Die Dokumentation der Landauer Studierenden will diese Entwicklungen begleiten und konzentriert sich dabei auf den Stellenwert der Politikvermittlung.

Die jeweils für die Talkformate zuständigen Redakteure reagierten auf die Formatkritik und verwiesen darauf, dass die einzelnen Sendungen gemessen an den Produktionskosten immer noch eine beachtlich hohe Zahl an Zuschauern erreichten. „Mit der Analyse der Programm prägenden Talk-Shows werden überprüfbare Bewertungskriterien jenseits der Quote vorgelegt, die eine differenzierte und sachliche Diskussion über das derzeit umstrittenste Format des deutschen Fernsehens ermöglichen,“ so Projektleiter Prof. Dr. Thomas Leif, Lehrbeauftragter an der Universität in Landau, zum Sinn des Studierenden-Projekts. „Außerdem wird mit dem Fokus der Analysen auf das Politikvermittlungs-Potential von Talk-Shows eine Brücke zwischen Theorie und Praxis geschlagen.“

Die 290-seitige Dokumentation kann wie folgt bezogen werden: Die Broschüre „Die Talk-Republik. Köpfe, Kritiker, Konzepte“ kann unter www.talk-republik.de heruntergeladen werden. Auf dieser Seite gibt es auch weitere Zusatzinformationen zum Streit-Thema „Talkshows“. Ein Print-Exemplar der Dokumentation ist gegen Einsendung eines mit 2,20 Euro frankierten und adressierten A4-Umschlags erhältlich bei der: Universität Koblenz-Landau Frank-Loeb-Institut Kaufhausgasse 9 76829 Landau Facebook: Talk-Republik

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