Kommentar zur schulischen Inklusion

Kommentar: Frau Ahnen sei ein Trullala!

von Hans-Peter Terno

Mainz, 18.01.13. Die rheinland-pfälzische Landesregierung ist seit der zweiten Landesregierung unter Kurt Beck auf dem Weg zur schulischen Inklusion behinderter Schülerinnen und Schüler. Mit Maßnahmen der Einzelintegration und der Einrichtung von Schwerpunktschulen ist sie seitdem ein gutes Stück des Weges vorangekommen. Nun richtet sich der Blick auch verstärkt auf die Berufsbildenden Schulen, seit längerem wird in vielen Kindertagesstätten Inklusion praktiziert. Inzwischen schreibt die UN-Behinderten-Rechtskonvention Inklusion von Anfang an, also über Kitas, Schulen, Berufsausbildung und Hochschulen vor.

Rheinland-Pfalz hat diese völkerrechtsverbindliche Konvention als erstes Bundesland einstimmig ratifiziert und als erstes Bundesland einen Aktionsplan hierzu vorgelegt. Änderungen machen Angst. Das ist auch bei der Inklusion so. Als ich in die damalige Volksschule ging, schauten wir Kinder verächtlich auf die in der „Dummschul“ herunter. Die Schulen für behinderte Kinder wurden erst zu Sonder-, dann zu Förderschulen. Aber die Trennung von behinderten Kindern und solchen ohne festgestellte Behinderung blieb. Insbesondere die Internate der Blinden- und Sehbehindertenschulen, die Kinder ab dem ersten Schuljahr aufnahmen, erzeugten lebenslange Beeinflussungen der Persönlichkeit dieser Kinder. Zwar wurden sie blindentechnisch hervorragend angepasst, sodass man beispielsweise beim Einnehmen von Mahlzeiten geburtsblinde und sehbehinderte Menschen höchstens an den perfekteren Tischsitten erkannte, erkennbar war aber auch der mangelnde soziale Kontakt zu den sehenden Tischgenossen.

Internat vom erstem Schuljahr an bedeutete: frühe, allzu frühe, Trennung vom Elternhaus, keine Freunde und Spielkameraden in den Ferien im Elternhaus und einseitiges soziales Lernen. Häufig fehlten dann die Freunde ein Leben lang und blieben sehende Menschen unbekannte Wesen für die in Internaten geschulten blinden und sehbehinderten Menschen. Anderen behinderten Kindern in Internaten mag es kaum anders gegangen sein. Aber auch diejenigen, die oft Stunden mit dem Fahrdienst zu ihrer Förderschule unterwegs waren und durch viele Therapietermine kaum Freizeit hatten, blieben von ihren Altersgenossen getrennt und hatten kaum Gelegenheit, soziale Beziehungen zu Gleichaltrigen aufzubauen. Wer dann auch noch in die Werkstatt für behinderte Menschen (früher: beschützende Werkstatt) kam, blieb ein Leben lang ausgeschlossen.

In manchen Großbehinderteneinrichtungen waren Kindergarten, Schule, Behindertenwerkstatt, Behindertenheim, Behindertenaltenheim und Friedhof auf einem Gelände hinter einer gemeinsamen Mauer zusammen. Selbstbewusste behinderte Menschen, die selbstbestimmt Leben wollten, verglichen dies mit einer Gefangeneneinrichtung. Sie wollten selbst entscheiden, wann sie aufstehen, was sie frühstücken, wie sie sich anziehen, wo sie wohnen, arbeiten und wo und mit wem sie ihre Freizeit verbringen. Wollten also die gleichen Rechte wie alle anderen Menschen auch. Ihnen stand die Angst ihrer Eltern, Erzieher, Lehrer und Unterstützer gegenüber, dass ihnen in der fremden Welt der Menschen ohne behinderung Schlimmes passieren könne. Zu Schlimmen kam es aber auch in Behinderteneinrichtungen. Körperliche und sexuelle Gewalt waren dort höher als andern Orts.

In den achtziger Jahren kam der Begriff der Integration auf. Regelschulen öffneten sich versuchsweise für behinderte Kinder, Unternehmen versuchten auch behinderten Jugendlichen eine Berufschance zu geben. Die Ergebnisse waren äußerst ermutigend. Gerade auch bei der beruflichen Integration von Werkstattmitarbeiterinnen durch das rheinland-pfälzische Modell des Budgets für Arbeit. Eine neue Gruppe bekam Angst vor Änderungen und Arbeitsplatzverlust: die nicht behinderten Menschen, die sich als Unterstützer, Erzieher, Lehrer, Ausbilder, Anleiter, Therapeuten in den Institutionen für behinderte Menschen eingerichtet hatten. Aber auch im Regel-Schul- und Arbeitsleben kam Angst auf: „Um Himmels Willen, wie gehen wir nur mit behinderten Menschen um?“. Unbeirrbar indes entwickelten Bildungsministerium und Schulaufsicht das Inklusionsangebot weiter, schuf das Sozialministerium Integrationsbetriebe, Budget für Arbeit und Möglichkeiten für selbstbestimmtes Wohnen.

Heute stellte Bildungsministerin Doris Ahnen das Landeskonzept für schulische Inklusion behinderter Schülerinnen und Schüler vor. Es ist ein Quantensprung, mutig, und bezieht alle bisher gesammelten Erfahrungen ein. Noch vor Bekanntgabe dieses Konzeptes blies die CDU aber die Fanfaren, um zu einer Pressekonferenz einzuladen. Sie will alles so lassen, wie es ist. Konservativ eben. Die Eltern aber werden ab dem nächsten Schuljahr die Wahlfreiheit bekommen, wo sie ihre Kinder beschulen lassen. Das ist der genau richtige Weg, den Doris Ahnen mutig eingeschlagen hat. Ihr sei ein Trullala! Den nachfolgenden Artikel zum Landeskonzept sollten Sie, trotz seiner Länge, lesen. Da ist kein Wort überflüssig.

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