Sonntagskommentar: Malu packt den Stier bei den Hörnern


von Hans-Peter Terno

Mainz, 17.02.13. Meteore können ganz schön terroristisch sein. Folglich sprach am Samstagmorgen eine Rundfunksprecherin von dem „Meteoranschlag über dem Ural“ – „Einschlag“ war ihr wohl zu harmlos. Der Selbstmord-Komet explodierte kurz vor dem Einschlag, erzeugte einen Wärmeschub und eine große Druckwelle. In mehreren Städten und Siedlungen gingen die Fenster kaputt, wurden Dächer zerstört. Trotz intensiver Suche hat man bis Samstagnachmittag noch kein Bruchstück gefunden. Gerne hätte man gewusst, woraus dieser Meteorit bestand. Dazu müsste man aber die Trümmerstücke finden.

Bei Tiefkühllasagne, -Tortellini und Gulaschkonserven weiß man auch nicht mehr, woraus sie bestehen. Die Inhaltsbezeichnung „Rindfleisch“ scheint wenig überzeugend. Zu viel Pferdefleisch wurde in den entnommenen Proben gefunden. Nicht, dass Pferdefleisch ungesund wäre; den meisten Mitteleuropäern ist es aber unheimlich, Pferd zu essen. Unsere tierischen Nahrungsmittel haben wir mit despektierlichen Beschreibungen der Art versehen. Da ist die „alte Sau“, das „dumme Schwein“, das „kopflose Huhn“, die „blöde Kuh“, die „dumme Gans“… Pferden werden hingegen positive Eigenschaften zugeschrieben: Intelligenz und Treue sind hier die Hauptmerkmale. Untersuchungen zeigen, dass auch Schwein und Kuh hochintelligent sind – wir wollen das nicht wahrhaben, wir essen sie ja.

Die Pferde wurden in Rumänien gezüchtet, über Zypern nach Frankreich verkauft, dort geschlachtet und an französische und deutsche Verarbeiter verkauft. Deren Fleischprodukte (Rind mit Pferdbeimischung) wurden in Großbritannien, Frankreich und Deutschland, wahrscheinlich auch andernorts verkauft. Jeder Käufer müsste wissen, dass eine 400g-Lasagne unter 2 Euro nur aus zweifelhaften Nahrungsmitteln hergestellt sein kann. Arbeitslose, Rentner und Niedriglöhner greifen trotzdem nach solchen Nahrungsmitteln, sie haben nicht das nötige Kleingeld für Hochwertiges.

Auch der Warenkorb der Statistik-Ämter, nach dem die Höhe von Hartz IV oder die Grundsicherung für Niedrig-Rentner berechnet wird, kalkuliert ganz bewusst mit dem Dumping der Discounter. Wegen des schlechteren Essens leben Grundsicherungsempfänger kürzer. Auch das ist eine Wahrheit.

Nun wird ein Test auf Pferdefleisch entwickelt, der EU-weit angewendet werden soll. Völlig unverständlich, weshalb nicht der rheinland-pfälzische Test des Landesuntersuchungsamtes angewandt wird, der kann auf 14 Tierarten testen. Das gäbe auch denjenigen Sicherheit, die aus Diät- oder religiösen Gründen kein Schwein zu sich nehmen. Immerhin, jetzt werden die Verursacher der Vermischung von Rinderfleisch und Pferdefleisch gefunden und strafverfolgt.

Vor dreißig Jahren schrieb und kopierte Annette Schavan ihre Doktorarbeit zusammen. Auch sie kennzeichnete den Inhalt mangelhaft und schrieb ab. Der anspruchsvolle Titel dieser Doktorarbeit spricht dieser und ihrer Autorin Hohn: „Person und Gewissen“. Die Autorin jedenfalls wird nicht geächtet. Bundespräsident Joachim Gauck lobte Frau Schavan bei Überreichung der Entlassungsurkunde überreichlich. Ihren Professorentitel könne sie ja behalten… Ein weniger berühmter Medizinprofessor, dessen Karriere auf einer falschen Promotion basiert, müsste alle seine Titel ablegen und dürfte nicht mehr als Arzt arbeiten. Frau Schavan jedoch, die viel Geld zu den unabhängigen Forschungsinstituten, den Wissenschaftsgesellschaften und an sogenannte „Eliteuniversitäten“ gebracht hat, wird nun mit einer anderen Elle gemessen.

Frau Schavan wollte in Deutschland amerikanische Verhältnisse schaffen: kleine Eliteuniversitäten und große Massenuniversitäten. Die Elite sollte während iheres Studiums auch forschen, die nicht der Elite Angehörenden sollten mit verkürztem Studium (Bachelorabschluss) sehr rasch der Wirtschaft zur Verfügung stehen. Die BAföG-Reform hat Frau Schavan verschleppt. Sind ihre Verdienste wirklich so hoch, dass der Bundespräsident bei ihrer Entlassung Partei für die Frau ergreifen muss, die offenbar Teile ihrer Promotion plagiiert hat? Wie soll sie in Zukunft Autorität, Respekt und Anerkennung bei ihren Studenten haben?

Angela Merkel hat bedauert und ist zur Tagesordnung übergegangen. Zu anderen Themen schweigt die Kanzlerin ganz: überteuerte Mieten, Neubau von Sozialwohnungen, verfehltes Konzept für Erneuerbare Energien. Themen, zu denen Peer Steinbrück eine klare Haltung hat. Merkel aber lässt Steinbrück voll ins Leere laufen. So geht die Medienstrategie auf, Steinbrück auf angebliche Geldgier zu reduzieren.

Malu Dreyer hingegen packt den Stier bei den Hörnern. Ein Besuch bei Unternehmerpräsident Braun ist bereits fest eingeplant. Sie zeigt sich als klare, zielbewusste Ministerpräsidentin. Ganz anders als in der neuen Mächtigen-Comicserie „Zur Sache Schätzchen“ des SWR. Die stellt Frau Dreyer von Stimmlage und durch unsichere Lacher her als zu schwach gegenüber einer wuchtigen Julia Klöckner vor. Kaum zu fassen, dass die Mainzer Studiodirektorin Dr. Sanftenberg eine Frau ist. Dies müsste beiden Frauen (Dreyer und Klöckner) Anlass zur
Gender-gerechten Überprüfung geben.

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