Sonntagskommentar: Zieht Euch warm an

von Hans-Peter Terno

Mainz, 10.03.13. Morgen soll es bereits den ersten März-Schnee in Eifel und Westerwald geben. Ab Dienstag soll es bis in den Süden der Republik winterlich sein. Es soll wieder Schnee statt Regen fallen. Nach dem langen Winter und der zögerlichen Erwärmung in den ersten Märztagen schockt der erneute Wintereinbruch im März. Obwohl es fast schon feststehende Klimaregel ist, dass es vor Frühlingsanfang (21. März) nochmals kalt wird, will dies niemand wahrhaben. Sind nicht schon die Kraniche nach Norden geflogen? Hören wir nicht schon Frühlingsgesänge von Amsel, Fink und Star? Ehemalige Zugvögel, die die milder gewordenen Winter in unseren Breiten zum Bleiben veranlassen. Andere Arten sind bei ihrem Zugvogeldasein geblieben. Vor einigen Jahren kehrten sie bei ihrer Rückkehr zu den Brutgebieten im Norden über der Schwäbischen Alb wieder um, flogen an den Bodensee zurück und warteten dort, bis der Zustrom kalter Luft aus dem Norden nachließ. Das könnte sich dieses Jahr wiederholen. Wer jetzt schon seine Wintersachen weggepackt und seinen Mantel in die Reinigung gegeben hat, wird Dienstag relativ nackt dastehen.

Ähnlich wie besagten Zeitgenossen dürfte es den Aktienbesitzern gehen. Im Herbst sprachen alle noch von Finanz-, Euro- und Schuldenkrise. Jetzt ist es um die Problematik leise geworden. Die nordostdeutsche Politikerin will keine Konjunkturfurcht, sondern Hoffnung. Da gibt es die tollsten Prognosen der Freunde der Rügener Pfarrerstochter. Selbst Prof. Sinn prognostiziert Unsinn und spricht von „aufgehellter Stimmung“ der deutschen Wirtschaft. Nehmen die Manager neuerdings Tranquilizer anstelle von Viagra zum Frühstück? Fakt ist: Die Auftragseingänge der Industrie sind im Januar um round about 5% gesunken. Die Industrieproduktion auch. Ein wesentlicher Teil der deutschen Exportmärkte: Italien, Spanien und Griechenland ist weggebrochen. Die protestantische Norddeutsche Angela Merkel hat den Südländern Sparen verordnet. So viel Sparen, dass deren Wirtschaftswachstum sinkt und selbst die Rentner nicht mehr genug Geld haben, um bei Aldi Espana oder -Italia einzukaufen.

Noch funktioniert der Export in die USA, mindestens bis zum nächsten Staatsschuldentermin. Die Wirtschaft des hoch überschuldeten Staates bangt von Schuldentermin zu Schuldentermin, dass sich Demokraten und Republikaner über den Staatshaushalt einigen, bisher gibt es allerdings höchstens Trippelschritte auf dem Weg. Japan druckt containerweise Geld und riskiert so eine Yen-Entwertung, um endlich wieder zu konkurrenzfähigen Preisen exportieren zu können. Das gefährdet das chinesische Wirtschaftswachstum und die chinesische Importfähigkeit. Die USA drucken Dollar über die Wirtschaftskraft hinaus. Das gleiche passiert in Japan. Die EZB kündigt an, dass sie dies auch täte, wenn ein Mitgliedsstaat strauchelt. Es schwappt viel Geld im Markt herum, das seinen Ankerplatz sucht. Die kreativen Finanzprodukte der Investmentbanken stellen diesen Hafen nicht mehr dar. Zu viele sind mit Derrivaten und anderen Finanz-Wundertütenprodukten untergegangen.

Die Wirtschaft wackelt, wächst aber nicht. Investitionen in Unternehmen und Produktionen erscheinen den Anlegern zu risikoreich. So verschwinden unterkapitalisierte Unternehmen wie der Windradhersteller Fuhrländer AG, der bei normalen wirtschaftlichen Bedingungen eine hervorragende Zukunft gehabt hätte. Geld will heute nicht mehr durch reale wirtschaftliche Betätigung wachsen, sondern sucht nach Rendite. Als letzter Renditehafen gilt derzeit der Aktienmarkt. Die Wirtschaft stagniert oder schrumpft, die Aktienkurse explodieren angesichts mangelnder anderer Anlagearten. Freitag stieg der DAX auf über 8000 Punkte. In der Internetblase war der Kurs des DAX auch so hoch, in der Finanzblase ebenfalls.

Jetzt haben wir die Aktienblase. Eine besonders schillernde Blase, diese Aktienblase. Schließlich sind die eigentlichen Gewinner die Manager der DAX-Unternehmen. Die derzeitigen Kurse der Aktien der DAX-Unternehmen aber haben mit deren aktuellem Wert nichts zu tun. Kein Unternehmen ist plötzlich doppelt so viel wert wie nach Platzen der Immobilienblase 2009. Jetzt, 4 Jahre nach Platzen dieser Blase, gilt nicht der reale Wert der Unternehmen, sondern deren spekulativer Wert. Der ist aufgebläht. So aufgebläht, dass diese Blase in den nächsten Monaten platzen könnte. Ob das Angela Merkel ruhig schlafen lässt? Wohl kaum. Es scheint, dass die ehemalige Reisekanzlerin in ihrem Büro sitzen bleibt und wie das Kaninchen auf die Schlange schockstarr auf die sich immer weiter ausdehnende Aktienblase schaut. Reiste die Kanzlerin bis Jahresanfang von Krisenherd zu Krisenherd, bleibt sie jetzt in ihrem Kanzlerinnenbüro sitzen. Im Dezember hieß es noch: begegnen sich zwei Flugzeuge auf der Strecke Brüssel-Berlin in der Luft, sitzt in beiden Angela Merkel.

Merkel pendelte in Sachen Euro. Der Euro wackelt zwar immer noch, Merkel aber bleibt im Kanzleramt und erzählt den Bürgerinnen vom Pferd. Im übertragenen Sinne natürlich. Merkel spricht also nicht von der Pferde-Lasagne, sondern davon, dass sie die erfolgreichste Bundesregierung leite. So erfolgreich, dass sie sogar die beiden Wirtschaftsminister Brüderle und Rösler aushält. Philipp Rösler drohte heute auf dem FDP-Parteitag damit, bei Wiedereinzug der FDP in den Bundestag mit Merkel koalieren zu wollen. Hilfe!!! Platzt die Aktienblase wie üblich im Ferienmonat August oder kurz nach der Bundestagswahl im September und haben wir dann wieder Schwarz-Gelb an der Regierung, müssen wir uns mindestens so warm anziehen, wie in der Frostphase kommende Woche. Mit Schwarz-Gelb wird der konjunkturelle Winter aber länger als die Frostperiode kommende Woche.

Platzt die Aktienblase, kracht die deutsche Wirtschaft zusammen.Die Steuereinnahmen sinken, adé ausgeglichener Bundeshaushalt 2014, adé Schuldenbremse in den Ländern 2020! Mit einem Konjunkturpaket á la Steinbrück, wie nach der Finanzblase 2008, könnten wir noch mal gestärkt aus der Krise hervorgehen. Nicht aber mit der marktliberalen Wirtschaftspolitik á la Rösler/Brüderle. Merkel macht die Politik ihrer Koalitionspartner, das ist zuverlässig. Die FDP wartet auf die „Selbstregulierung“ der Märkte; die wird die Republik, wie auf dem Höhepunkt des Thatcherismus, in die Fast-Pleite führen.

So ein Konjunkturprogramm müsste ein europaweites sein. Die europäische Wirtschaft floriert, wenn die einzelnen Landeswirtschaften voneinander kaufen können. Wenn die griechischen Rentner wieder so viel Geld haben, dass sie ihre aus Deutschland importierten Medikamente wieder bezahlen können, beispielsweise. Es kommt auch wirtschaftlichem Harakiri gleich, wenn man die konsumfreudigste gesellschaftliche Gruppe, junge Erwachsene, ohne Arbeit und Einkommen lässt. So ein gemeinsames europäisches Konjunkturprogramm braucht eine handlungsfähige europäische Regierung, eine starke Kontrolle durch ein europäisches Parlament und eine zweite Kammer auf europäischer Ebene analog dem Bundesrat.

Es braucht aber Politikerinnen und Politiker, die rechnen können. Malu Dreyer zeigte mit ihrer Replik auf die Rede der Oppositionsführerin und stv. CDU-Bundesvorsitzenden Julia Klöckner zum Nachtragshaushalt letzte Woche, dass sie rechnen kann, Julia Klöckner aber nicht. Deren Zahlen zum Nachtragshaushalt waren schlichtweg falsch. Malu Dreyer bat, endlich die richtigen Zahlen zu benutzen, bat auch, die Antworten auf die parlamentarischen Anfragen der CDU zu lesen und nicht immer wieder die gleichen Anfragen zu stellen. Julia Klöckner, ganz in Schwarz und leicht zerzaust, schwieg. Wahrscheinlich überlegte sie, ob sie nicht den Schritt wagen solle und beim nächsten Berlin-Aufenthalt zum Merkel-Friseur Walz zu gehen. Kürzt Walz Klöckners Mähne, muss sie sich warm anziehen, um eine Erkältung zu vermeiden. Zieht Euch warm an!

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