Sonntagskommentar: Neues von Radio Vatikan

von Hans-Peter Terno

Mainz, 17.03.13. Die Bundesrepublik Deutschland ist stolz auf ihr öffentlich-rechtliches Radio. Die staatsunabhängige Finanzierung durch Rundfunkgebühren, die selbst Briefmarkensammlervereine zahlen müssen, soll die Rundfunkanstalten von möglicher Erpressung durch die Politik bewahren. Das Land Rheinland-Pfalz geht besonders weit und will, dass Bund und Länder nicht mehr in den Rundfunkräten vertreten sind. Vertreten in den Rundfunkräten sind aber die Großkirchen. Evangelische und katholische Kirche sitzen einträchtig am Tisch derjenigen, die über die Geschicke der Rundfunkanstalten bestimmen. Die Kirchen sind am Tisch der öffentlichen Meinungsvielfalt Partei der eigenen Meinungen bzw. Dogmen. Sie achten eifersüchtig darauf, dass die religiösen Empfindungen ihrer Gläubigen nicht gestört werden. Neben den Großkirchen sitzen die jüdischen Religionsgemeinschaften an diesem Tisch. Der SWR soll laut erneuertem Rundfunk-Staatsvertrag den Sitz, der bisher für Freikirchen und Freireligiöse bestimmt war, in Zukunft an muslimische Religionsgemeinschaften geben. Einen Sitz für diejenigen, die keiner Kirche oder Religionsgemeinschaft angehören, gibt es nicht.

Im Gegensatz zu anderen Vertretern im Rundfunkrat haben die Großkirchen ihre eigenen Sendungen. Bei einigen Rundfunkanstalten trifft dies auch, wenn auch weniger häufig, auf die jüdischen Religionsgemeinschaften zu. Die freireligiösen Religionsgemeinschaften sind aus den religiösen Sendezeiten weitgehend verdrängt. Ginge es nach der Religionsverteilung in der Bevölkerung, dann dürfte in den morgendlichen 5 Minuten für die Kirchen nicht nur die evangelische und die katholische Kirche zu Wort kommen, dann müssten auch Muslime, Freikirchen, Freireligiöse und solche ohne Religionsgemeinschaften in diesen 5 Minuten vertreten sein. Offenbar ein frommer Wunsch. Die religiösen Sendezeiten verteilen sich nach wie vor im Proporz der 50er Jahre. Dieses fein ausziselierte Religionsverteilungsschema wird allerdings jedesmal dann ausgehebelt, wenn ein Papst stirbt, zurücktritt oder neu gewählt wird.

Diese Woche endgültig, hatte man den Eindruck, dass Radio Vatikan die Intendanzen in den öffentlich-rechtlichen Rundfunk- und Fernsehanstalten übernommen habe. Wurde wochenlang schon erklärt, wie die Papstwahl vonstatten geht, wurde am Vorabend der Papstwahltage im ZDF-Studio in Rom, hoch über den Dächern der Jahrtausende alten Stadt, über die anstehende Wahl diskutiert. Julia Klöckner hatte auch einen Freiflugschein nach Rom bekommen, um an dieser denkwürdigen Sendung mitzuwirken, wie ihr Pressedienst letzten Sonntag stolz vermeldete. Berichte über die Sendung, und was Frau Klöckner gesagt hat, konnte ich trotz google-Abonnement des Stichwortes Julia Klöckner nicht finden. Aber gut, dafür äußerten sich alle anderen zur Papstwahl; waren die Fernsehkameras der Welt auf den Vatikanschornstein gerichtet, aus dem im Falle der Wahl weißer Rauch austreten sollte.

Der Vatikan machte es spannend: Die Verkündung, wer der Neue ist, fand zu den besten abendlichen Nachrichtenzeiten in Europa statt. Kein Wort über Zypern-Entschuldung, Euro-Gipfel, Bundeshaushalt, Opposition, Regierung, Steinbrück oder Merkel, auch nicht über Klöckner, nur die bange Frage der Reporter: „Wer ist zum Papst gewählt worden“? Zwischen Rauch (heute-Nachrichten) und Namensnennung (Tagesschau) verging über eine Stunde. Die Nachrichtensendungen waren gesprengt. Oma fragte aus der Küche: „Ist es ein Mädchen oder ein Junge?“, Onkel Heinz meinte, er habe gar nicht gemerkt, dass Bundestagswahl sei. War auch nicht, sondern sonntags schon Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden. Bitter für die CDU, erfreulich für die SPD. Die beiden nun jungen Oberbürgermeister von Mainz und Wiesbaden sind altersmäßig übrigens genau soweit auseinander, wie der alte und der neue Papst. Der neue Papst ist nämlich auch bereits ein alter Herr mit seinen 76 Jahren.

Die Entscheidungen des Heiligen Geistes sind wundersam: Der Neue kommt aus Südamerika, dessen südlichstem Land: Argentinien. Zu einem schwarzen Papst hat es in der 2000 Jahre alten Weltkirche noch nicht gereicht. Amerika hat das schon nach 200 Jahren innerlich widerstrebend geschafft. Einen Lateinamerikaner hatten die als Präsident übrigens noch nicht, ganz abgesehen von einem Vertreter der Ureinwohner… aber sind wir da nicht schon zu schnell abgestreift? Am neuen Papst Franz war ja bereits schon einiges bemerkenswert, als er auf dem Balkon stand. Er hatte weniger an als Benedikt. Nein, natürlich nicht unziemlich. Es fehlten ein paar Schmuck-Überhänge und das kunstvolle Kreuz des Papstes. Papst Franz trägt sein eigenes Kreuz. Ein konservativer Knochen, aber freundlich lächelnd. Da ist er so wie Johannes Paul II. Der dürfte in seinem Sarkophag in der Peterskirche gelächelt haben.

Auch Papst Benedikt war sicherlich nicht unerfreut, Papst Franz sprach auch von der zu bekämpfenden Verweltlichung der Kirche. Ein Papst wie seine Vorgänger. Das verwundert nicht, schließlich haben die Vorgänger diejenigen ausgewählt, die ihren Nachfolger gewählt haben: die Kardinäle. Die Einwohner Wiesbadens, die für den neuen Oberbürgermeister Gerich anstelle des alten Müller gestimmt haben, konnten von der CDU nicht ausgewählt werden. Das bedauerte der CDU-Vorsitzende. Ich höre Sie, liebe LeserInnen und Leser, schon aufstöhnen: „Aber man kann doch nicht die Papstwahl mit der Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden vergleichen“. Recht haben Sie. Die Oberbürgermeisterwahl in Wiesbaden war demokratisch und lokal. Die Papstwahl in Rom war undemokratisch und global.

Undemokratisch und von globaler Bedeutung war letzte Woche noch eine weitere Wahl. Die des chinesischen Präsidenten Xi. Xi hat sogar mehr Bedeutung und Einfluss, sowohl für den Weltfrieden, die Menschenrechte als auch für den Welthandel. Über Xi wurde allerdings wenig berichtet. Dafür gab es zu viele Nachrichten aus Rom, die alle unbedingt gebracht werden mussten. So das Gebet des neugewählten Papstes für Rom. Währenddessen diskutierten die alten Siegermächte des 2. Weltkrieges, das Vereinigte Königreich und Frankreich, ob sie nicht doch Waffen an die syrische Opposition liefern sollten. Die USA liefern schon die schusssicheren Westen, Frankreich und das Vereinigte Königreich bald (offiziell) die Maschinengewehre. Als ob es nicht schon mehr Waffen zwischen dem Schwarzen Meer und dem Mittelmeer als Menschen gäbe. Die USA bleiben zurückhaltend: Obama sagte, sie wollten nicht schon wieder im Nachhinein mit ihren eigenen Waffen beschossen werden. Und der Papst? Der kann ja am Sonntag für den Frieden in der Region beten. Ein Wunder wäre es, wenn dies wirkte.

Ja, und nächste Woche? Business as usual? Papst gewählt, Euro in Gefahr und Merkel im Wahlkampfmodus? Ganz so wie bisher wird es nicht gehen. Papst Franz will sich, wie in seinem bisherigen Leben auch, für die Armen einsetzen. Da wird es den katholischen Regierungen von Irland, Portugal, Spanien und Italien schwer fallen, die armen Rentner und Arbeitslosen weiter zu verarmen. Auch in Deutschland dürfte es der Bundesregierung schwer fallen, die Armut in Deutschland weiter zu beschönigen. Träfe das ein, hätte die Papst-Wahl etwas Gutes und wäre nicht nur ein Medien-Hype gewesen.

Soziale Gerechtigkeit ist wieder gefragt. Warten wir es ab. Auf den Frühling müssen wir ja auch noch warten. Ihnen, liebe LeserInnen und Leser, wünsche ich einen baldigen Frühling und dem alten Herrn in Rom eine gute Zeit.

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