Sonntagskommentar: Biederfrau am Mittelmeer

von Hans-Peter Terno

Mainz, 07.04.13. Noch begrüßen sich die Deutschen mit dem diesjährigen Frühlingsgruß „Hatschi“. Die Frühlingsversprechungen für Sonntag und die anschließende Woche wurden von den Meteorologen Schritt für Schritt zurückgenommen. „Eher durchwachsen“ soll das Wetter in der kommenden Woche sein. Wenig, was das Herz erhellt und über die triste wirtschaftliche und soziale Lage in Europa hinwegtröstet. Aber unsere Bundeskanzlerin, stemmt sie sich gegen diese missliche Lage Europas? Ja, sie leistet sogar zusammen mit ihrer Familie wirtschaftliche Aufbauhilfe. Während wir noch letzten Sonntag Angela Merkel mit Joachim Sauer in ihrer Datsche (Landhaus laut AZ) auf Rügen vermuteten, war sie bereits mit Mann und Kindern auf Ischia (Italien) eingetroffen.

Ein schöner, frühlingswarmer Oster-Urlaub am sonnigen Mittelmeer. Die Kanzlerinnenfamilie machte auf Ischia das, was man am Urlaubsstrand so macht: Spazierengehen, das Thermalbad besuchen, Sonnen, sich an der Natur freuen und wahrscheinlich auch gut essen. Gerade um diese Jahreszeit schmecken frisch geerntete Salate und Gemüse am Mittelmeer unvergleichlich… Ein Urlaubsidyll, das der gestressten Frau, egal wie man zu ihrer Politik steht, zu gönnen war. Italienische Paparazzi versteckten sich hinter Bäumen und in Büschen in den Anlagen der Strandpromenade und ließen sich von herumschnüffelnden Hunden anpinkeln, um Schnappschüsse von der Familie zu machen. So fanden deren Urlaubsbilder dann in die Bild-Zeitung, und so manche regionale Zeitung konnte sich nicht beherrschen und brachte auch ein Bild von der Kanzlerin im Badeanzug. Ein Foto einer Frau in gerade noch mittleren Jahren im Badeanzug am Mittelmeer, wie es jedes Jahr vielmillionenfach am Mittelmeer gemacht wird. Angela Merkel ohne Hosenanzug, sondern im Badeanzug am Mittelmeer. Kein Ereignis. Trotzdem wurde darüber geschrieben, die Bilder veröffentlicht…

Als der erste Reichspräsident der Weimarer Republik, Friedrich Ebert, sich in den 20er Jahren in der Badehose fotografieren ließ, war die Empörung groß. Bis Anfang der 20er Jahre des letzten Jahrhunderts hatten ja auch Männer Badeanzüge getragen… Aber anno 2013 eine deutsche Bundeskanzlerin im Badeanzug am Mittelmeerstrand? Da lassen sich ältere Semester ohne Scheu oben ohne sonnen.Die Kanzlerin natürlich nicht. Hauptsache Bild-Zeitung und KonsortInnen konnten weiter an ihrer Wahlkampfstatue meißeln: die Biederfrau als Kanzlerin.

Um ihre freiwillige oder unfreiwillige Medienpräsenz muss sich die Kanzlerin nicht sorgen. Sie wird vom Mainstream des deutschen Journalismus getragen. Peer Steinbrück hat da mehr Probleme. Wer wissen will, was Steinbrück derzeit so macht und sagt, muss schon die Spätnachrichten im Deutschlandfunk hören. Die öffentlich-rechtlichen und privaten Medien mit Breitenwirkung haben sich hingegen angewöhnt, nur über vermeintliche verbale Ausrutscher zu informieren.

Schlechter mit ihrer medialen Wirkung ergeht es aber noch den OppositionsführerInnen in den Ländern. Die interessiert außerhalb des Landes kaum jemand, und auch in den Ländern selbst ist es schwer, neben dem Ministerpräsidenten, der Ministerpräsidentin wahrgenommen zu werden. So geht es auch Julia Klöckner. Nach ihrem Anfangshype als Beck-Herausforderin und dann Beck-Rücktrittsforderin ist es still um sie geworden. Die eine oder andere Talkshow lädt sie noch ein, immerhin wird sie für ihre (wie ein Bad Kreuznacher Lokaljournalist einmal formulierte) „schlagfertige Schlappmäuligkeit“ gerühmt, aber im medialen Tagesgeschäft? Als Katholikin, stellvertretende Bundesvorsitzende der CDU, Mitglied des Zentralkomitees der deutschen Katholiken, rheinland-pfälzische Oppositionsführerin, wie sie in der Presseerklärung formulieren ließ, wollte sie nach der Papst-Wahl wahrgenommen werden. Es klappte nicht. Nun, nach ihrem Osterurlaub, verschickte sie diesen Samstagvormittag wieder einmal eine Presseerklärung, die sie in die Medien bringen soll. Hierher hat sie es jedenfalls schon geschafft.

In ihrer PM fragt sie: „Welches Frauenbild hat Peer Steinbrück?“ und kritisiert dessen Vorschlag, Eltern muslimischer Mädchen geschlechtergetrennten Sportunterricht anzubieten. Der schon häufiger geäußerte Wunsch geschlechtergetrennten Sportunterrichts für Mädchen und Jungen wird bundesweit in sozialen Brennpunktschulen mit hohem muslimischen Anteil bereits oft verwirklicht. Die Schulen wollen so vermeiden, dass die Mädchen vom Sportunterricht abgemeldet werden. Die Eltern haben dafür vor allem kulturelle Gründe, beispielsweise den unterschiedlichen Umgang mit der Monatsblutung. Im Vereinssport gibt es Frauen- und Männerfußball, Frauen- und Männer-Tennis, Sportwettbewerbe sind fast immer geschlechtergetrennt. Wenn das im „Leistungssport“ so ist, warum nicht in der Schule? Und: wenn der Schulsport leistungsfrei ist, warum wird er dann benotet? Eine versetzungsgefährdende Fünf wäre mir übrigens so in den Schulzeugnissen erspart geblieben. Übrigens gibt es bereits Versuche, die naturwissenschaftlichen Fächer geschlechtergetrennt zu unterrichten. Mädchen sollen so nicht so leicht von den Jungs untergebuttert werden können… Also, Frau Klöckner, ob sonst noch ein Medium außer uns auf Ihre Presseerklärung eingeht? Fraglich!

Selbst MinisterInnen – auch auf Bundesebene – haben Probleme mit ihrer medialen Präsenz. Philipp Rösler in Badehose wäre sicher kein Medienrenner. Niebel wird nur noch wahrgenommen, wenn er mal wieder einen Patzer macht… die meisten Menschen kriegen nicht einmal zusammen, wer alles in den Kabinetten ist. Der neue rheinland-pfälzische Minister für Soziales, Arbeit, Gesundheit und Demografie, Alexander Schweitzer, hat sich rasch bekannt gemacht. Er konnte in den Osterferien die vielfältigen Früchte der von Malu Dreyer noch ausgesäten Initiativen ernten. So präsentierte er Gründonnerstag die Ergebnisse der Befragung zur Pflegekammer (positiv) und zeigte zugleich einen Weg zu ihr auf. Eine Woche später präsentierte er die Broschüre: „Es geht auch anders“, in der Personal und Angehörige über die Möglichkeiten des Verzichts auf freiheitseinschränkende Maßnahmen in der Altenpflege aufgeklärt werden. Das Pflegeland Rheinland-Pfalz hat schon vor Jahren die Möglichkeiten ambulanter Pflege auf dem flachen Land erweitert, mit dem Wohnformen- und Teilhabegesetz neue Möglichkeiten selbstbestimmten Lebens im Alter geschaffen und konsequent an der Verbesserung der Pflegestandards gearbeitet. Schweitzer stellt sich in diese Handlungsweise und geht mutig voran. Gut so. Kein Wunder, dass er bei der Pressekonferenz am Gründonnerstag keine Medienprobleme hatte, der Saal im zwölften Stock des Gesundheitsministeriums war überfüllt…

Ach, ich könnte noch über dies und das schreiben, aber heute soll es ja etwas milder werden, die Sonne scheinen, bevor es wieder regnerisch wird. Also: Gehen Sie raus, genießen Sie den ersten Tag 2013, der das Winterende verspricht! Das Jahr hat uns lang genug tiefgefroren!

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