Vor 80 Jahren wurden Bücher verbrannt

Kommentar zum Tag der Bücherverbrennung

von Hans-Peter Terno

Mainz, 10.05.13. Kennen Sie Hugo Bettauer oder Jakob Wassermann? Wohl eher nicht. Es sind zwei der Schriftsteller, deren Bücher heute vor 80 Jahren in Berlin öffentlich verbrannt wurden. Dieser ersten Bücherverbrennung folgten viele Bücherverbrennungen in ganz Deutschland – vor allem Universitätsstädte taten sich hervor. Die Bücherverbrennungen wurden vom Nationalsozialistischen Deutschen Studentenbund organisiert. Hitler war nur wenige Monate im Amt, aber es erhob sich kein nennenswerter Widerstand. Am 10. Mai waren fast schon alle missliebigen Professoren aus den Universitäten entfernt worden und mehrheitlich ins Exil gegangen. Sie gaben den Wissenschaften in den USA einen gehörigen Schub und bauten Wissenschaft und Lehre in der türkischen Hauptstadt Ankara auf. Wer sein Exilland zu nah gewählt hatte, wie die Tschechoslowakei, die Niederlande oder Frankreich, musste weiterziehen, die Nazis eroberten fast ganz Europa. Die nicht eroberte Schweiz ließ bald keine Flüchtlinge mehr hinein.

In den Antiquariaten Amsterdams sind noch heute Bücher von Schriftstellern zu finden, deren Werke 1933 in Berlin verbrannt worden waren, dann zunächst in den Niederlanden, Österreich oder der Tschechoslowakei Verleger fanden. Manche wurden auch in der Schweiz verlegt. Mit der Eroberung ganz Europas durch die Nazis waren diese Verlage geschlossen worden. Die USA wurden zum Hauptexilland. Die offizielle Landessprache der USA ist Englisch. Die deutsche Sprache, die sich bei deutschen Gemeinschaften in den USA erhalten hatte, fußt auf dem zur Auswandererzeit gebräuchlichen Deutsch. Da hatten es die Autoren schwer zu veröffentlichen. Thomas Mann mit seinem Ruhm als Nobelpreisträger und einem Verleger in der Schweiz, nachdem ihn der Berliner Verlag S. Fischer nicht mehr verlegen durfte, gelang es. Zuckmayer fand keine Verleger – er betrieb mit seiner Frau eine „kleine Farm in den Bergen“, wie das Erinnerungsbuch seiner Frau Alice Herdan-Zuckmayer an diese Zeit hieß. Der eine oder andere Exilliterat starb auf dem Weg ins gelobte Exilland USA, an der spanischen Grenze etwa.

Nach der Befreiung Deutschlands, am 08.05.1945, nahmen viele Migranten wieder Kontakt mit Deutschland auf. Heinrich Mann, Anna Seghers und andere gingen in die DDR, sie versuchten ein anderes Deutschland aufzubauen. Thomas Mann und andere gingen in die Schweiz. Die meisten konnten sich nicht überwinden, Wohnsitz in der Bundesrepublik zu nehmen. Die meisten Funktionsträger des Nazi-Regimes blieben oder kamen hierzulande wieder ins Amt. Richter beispielsweise, aber auch Professoren, die nach 33 eher wegen ihres Parteibuches als wegen ihrer wissenschaftlichen Fähigkeiten ins akademische Lehramt erhoben worden waren… Die konservativ-restaurative Bundesrepublik der 50er und 60er Jahre verbannte weiterhin die in die DDR übergesiedelten Schriftsteller aus den Bücherschränken. Sie kamen erst Ende der 60er Jahre wieder ans Licht. Als der Mainzer Oberbürgermeister Jockel Fuchs Anna Seghers zur Mainzer Ehrenbürgerin machen wollte, erlebte er heftigen Gegenwind von Seiten der CDU. Die verzieh ihr das Engagement in der DDR nie. Ihre Bücher sind noch heute berührend.

Entreißen Sie, liebe Leserinnen und Leser, verbrannte Autoren ihrem eigenen Vergessen. Googlen Sie nach den Schriftstellern, deren Bücher vor 80 Jahren verbrannt wurden, gehen Sie in eine Bibliothek und versuchen Sie, eines der Werke auszuleihen. Suchbegriff: „Die verbrannten Dichter“ von Jürgen Sehrke. Sie werden an diesem regnerischen Wochenende bei der Lektüre eines dieser Werke eine ganz besondere Welt entdecken. Wie anders hätte die Bundesrepublik werden können, wenn sie die verbrannten Dichter wieder aktiv in ihr Geistesleben aufgenommen hätte – Heinrich Mann, Anna Seghers oder Bert Brecht, um nur einige zu nennen -, auch in den 50er und 60er Jahren in ihre Schulbücher aufgenommen hätte…

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