Sonntagskommentar: Brosamen vom Tische des Herrn

von Hans-Peter Terno

Mainz, 12.05.13. Haben Sie am Donnerstag auch Vögel gezählt? Der NABU hatte am Feiertag dazu aufgefordert, eine Stunde in den Garten zu gehen und die Vogelarten und die Anzahl der Vögel zu zählen und dem NABU zu melden. Das Ergebnis ist nach dem harten und kalten Winter sicherlich spannend. Gerade in ländlichen Regionen fanden die Vögel lange Wochen wegen der Schneedecke kaum Futter… In den Städten ist das anders. Mainz, beispielsweise, liegt voller Brezelkrümel. Die Innenstadt ist mit Brezelständen geradezu gepflastert, und die Menschen laufen brezelessend und -verkrümelnd durch die Stadt. Ältere Mitbürgerinnen hängen Meisenknödel in die Sträucher der Anlagen, und nach den Volksfesten wie Weihnachtsmarkt und Fastnacht liegt so viel herum, dass es die Vögel tagsüber und die Ratten nachts kaum schaffen, die Hinterlassenschaften zu verzehren.

In den reichen Städten fallen „genügend Brosamen vom Tische des Herrn“ (Bibelzitat). Auch für die bedürftigen Menschen fällt manches ab. Supermärkte haben erkannt, dass sie ihre Müllkosten drastisch senken können, wenn sie die aussortierten Waren der örtlichen Tafel spenden. Als Sahnehäubchen gibt es auch noch eine Spendenquittung… Wenn Sie sich überlegen, was Sie im Laufe der Woche so wegwerfen, weil verdorben oder einfach abgelaufen, könnten Sie mindestens noch ein Familienmitglied miternähren. Die Lebensmittelverschwendung hält an, obwohl die Preise inzwischen heftig steigen. Die offizielle Preissteigerungsrate von 1,1% verdeckt, dass Frischobst und -gemüse, Frischfleisch und Frischfisch inzwischen Preissteigerungen von bis zu 10% erleben… aber, wie gesagt, die Bedürftigen können zur Tafel gehen.

Als ich vor 17 Jahren nach Deutschland zurückkam, hörte ich einen Fernsehbericht über Washington, wo Menschen trotz Arbeitsplatz zu öffentlichen Lebensmittelverteilungsstätten mussten oder in einer Suppenküche eine warme Mahlzeit einnehmen mussten, weil ihr Gehalt vorne und hinten nicht reichte. Das war damals in der Bundesrepublik kaum zu verstehen, aber so weit sind wir auch heute in Deutschland. Wer genügend Geld verdient, schaut auf Bio und frische Markenprodukte im Supermarkt. Der Rest lebt von der Hand in den Mund, oder, wie mir ein Ratsuchender bitter sagte: „von der Tafel auf den Tisch“. Es sind nicht die Menschen, die auf den Kaffeeterrassen sitzen, die darben. Die, die man normalerweise mangels Geld nicht sieht, haben vielleicht einmal im Monat Geld für einen Kaffee bei der Back-Factory übrig… Aber auch die Speisengastronomie hat im vergangenen Jahr einen Umsatzrückgang um 4% erlebt. Vielen Menschen reicht das Geld, das sie für einen Monat übrig haben, vorne und hinten nicht. Kommt dann noch ein grippaler Infekt, reicht es gerade für die 1 Euro-Packung Vitamin C und Zink vom Aldi. Wirksame, nicht verschreibungspflichtige Medikamente, wie Bronchipret bei Bronchitis oder Sinupret bei Nebenhöhlenentzündung sind richtig teuer und sprengen das persönliche Budget.

Es gibt Armut in Deutschland. Auch wenn es die wahlkämpfende Bundesregierung nicht wahrhaben will und den Armuts- und Reichtumsbericht schönte. Armut, die entsteht durch den Niedriglohnsektor, prekäre Beschäftigung, überteuerte Wohnungen, hohe Energiekosten. Die Bundesregierung ist stolz: Die niedrigen Löhne vor allem im Dienstleistungssektor machen Deutschland konkurrenzfähig. Schwächere EU-Staaten sollen halt sparen, um genauso konkurrenzfähig zu werden. Aber schon vor diesem verordneten Sparen gab es da schon viele arme Menschen. Nehmen wir Spanien. Schon vor der durch das Sparregiment hervorgerufenen exorbitanten Jugendarbeitslosigkeit verdienten viele junge Leute so wenig, dass sie bis zum 30. bis 35. Lebensjahr bei den Eltern blieben und erst dann heirateten. Spanien kennt keine duale Berufsausbildung. Alle Berufe werden in Fachschulen oder Hochschuen erlernt. Das erzeugt nicht nur ungenügende Praxiskenntnis, sondern verhindert auch die Weiterbeschäftigung im Lehrbetrieb. Viele junge Spanier arbeiteten ein Jahr als Anstreicher, danach ein Jahr als Barmann, dann als Verkäufer, Wagenreiniger usw. Arbeiten und Entlohnung auf Hilfsarbeiterniveau… Mit der Wirtschafts- und Finanzkrise sind diese Jobs rar geworden. Die elterliche Wohnung als Refugium ist aber auch nicht mehr sicher, da viele Familien, weil arbeitslos, ihre Hypotheken nicht mehr zahlen können. Mietwohnungen gibt es kaum.

Die Jugendarbeitslosigkeit in den Südstaaten der EU wird hierzulande selbst von der Bundesregierung beklagt. Dagegen getan wird kaum etwas, das EU-Programm gegen Jugendarbeitslosigkeit ist ein Tropfen auf den heißen Stein. Deutsche Unternehmer hoffen, zukünftige Fachkräfte aus den qualifiziertesten dieser arbeitslosen Jugendlichen nach Deutschland holen zu können. Der Rest wird eine verlorene Generation. Bis die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Südstaaten überwunden ist, sind viele der heute jungen Arbeitslosen zu alt, um noch einmal gründlich einen Beruf zu lernen. Oder in die Schattenwirtschaft abgedriftet. Die Sozialhilfe ist in den Südländern der EU derart gering, dass den Einkommenslosen gar nichts anderes übrig bleibt, als schwarz zu arbeiten, um dem Hunger zu entgehen. Die Kleinkriminalität gedeiht in der Jugendarmut gut. Taschendiebstahl, Drogenhandel, Einbrüche und Gelegenheits-Prostitution nehmen zu. Nicht gerade das Wirtschaftswachstum, das unsere Bundesregierung verspricht.

Viele junge Menschen hoffen in den Südländern nun auf einen Job im Tourismus. Die Saison naht und mit ihr die Schar der sonnenhungrigen Touristen aus dem Norden. Wenn Sie, liebe Leserin, lieber Leser, den jungen Menschen wenigstens partiell helfen wollen, buchen Sie kein All-inclusive-Hotel. Buchen Sie Halbpension, nehmen Sie Mahlzeiten und Getränke auch außerhalb Ihres Hotels ein. Sie lernen nicht nur die Vielfalt der Genüsse in Ihrem Urlaubsland kennen, sondern geben auch Arbeit. Wichtig ist aber auch eine dauerhafte Lösung. Es muss Schluss sein mit einer Politik, die die Menschen im Süden verarmt. Was passiert, wenn den jungen Menschen Zukunft abhanden kommt, zeigte der sogenannte Arabische Frühling, der nicht überall friedlich war und ist…

Im September ist Bundestagswahl. Fragen Sie die Kandidaten aus Ihrem Wahlkreis, was sie gegen die Jugendarbeitslosigkeit und die Armut in den Südstaaten tun wollen. Zeigen Sie Ihre Solidarität mit den Menschen. Dann ernten Sie auch Solidarität. „Die Würde des Menschen ist unantastbar“, steht im Grundgesetz. Es ist unter der Würde des Menschen, von Brosamen zu leben. Die sollten den Vögeln überlassen bleiben.

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