Sonntagskommentar: Rheinland-Pfalz is(s)t besser


von Peter Terno

Mainz, 28.07.13. „Du sollst im Schweiße Deines Angesichts dein Brot verzehren“, verordnete der Gott des alten Testamentes dem Menschen, als er ihn aus dem Paradies vertrieb. Ich hingegen sitze im Schweiße meines Angesichts am PC und schreibe diesen Sonntagskommentar. Ein Leser schrieb mir einen Kommentar zu einem Artikel, während ihm „die Schweißtropfen von der Stirn auf sein I-Phone“ fielen. Bei einem so kleinen Display wirkt das sicher wie eine Überschwemmung. Das austretende Wasser, also der Schweiß, muss ersetzt werden, sonst kommt es zur Unterversorgung mit Flüssigkeit, Kreislaufkollaps, Hitzeschlag und Sonnenstich drohen.

Von diesen Phänomenen sind in diesen Tagen SPD-Wahlhelfer an der Dialogbox auf dem glühend heißen Mainzer Schillerplatz bedroht. Immerhin: dort läuft im Gegensatz zu anderen Stellen in der Stadt der Fastnachtsbrunnen. Bundesweit läuft die SPD-Wahlkampf-Strategie, ihre Bundestagskandidaten mit den Bürgern ins Gespräch zu bringen. So wird die in Umfragen gebeutelte Partei wohl mehr Direktmandate gewinnen können, hofft die SPD-Generalsekretärin, die rheinland-pfälzische Genossin Andrea Nahles. Peer Steinbrück, der SPD-Kanzlerkandidat, wird, nachdem ihm im Herbst seine Rednerhonorare vorgeworfen und dann im ersten Halbjahr ein paar banale Äußerungen vorgehalten wurden, von den Medien derzeit weitgehend nicht erwähnt. Obwohl er Substanzielles zu sagen hat. Schließlich hat die SPD ein klares Wahlprogramm, das sich vom „Irgendwie“ der Kanzlerpartei wohltuend unterscheidet.

Aber Angela Merkel ist ungebrochen beliebt, obwohl 78% der Befragten des „Deutschland-Trends“ Merkel nicht glauben, dass sie in der NSA-Affäre die Wahrheit sagt, wollen sie 42% der Bundesbürger wiederwählen. „Die dümmsten Kälber wählen ihre Schlächter selber“. Wie kann denn eine Partei, deren Kanzlerin offenbar ihre Kenntnisse in der NSA-Spähaffäre verschweigt, deren Verteidigungsminister eine halbe Milliarde in den Sand setzt und deren Umweltminister zwar weiß, wie man gefüllte Klöße macht und verzehrt, aber nicht weiß, wie er die Energiewende angehen soll, noch Wähler finden. „Mutti schafft das schon“, grinst die Kanzlerin und schaut optimistisch drein, wenn sie Flutopfern an der Elbe rasche finanzielle Hilfen verspricht. „Na, ob es denn kommt?“, fragte ein besorgter Bürger nach Merkels Ansprache in Fischbeck am gebrochenen Elbe-Damm. Die Skepsis scheint berechtigt, vor die Auszahlung hat der liebe Gott die Bürokratie gesetzt…

Schön, wenn man in einem Bundesland wie Rheinland-Pfalz lebt, da ist mit dem E-Government, z. B. der Antragstellung per PC und Internet, schon ein gutes Stück der Entbürokratisierung gelungen. Ganz aber werden die Schäden nicht ersetzt. Die pfälzischen Gemüsebauern, denen ihre Ernte auf den Feldern im hochgeschossenen Grundwasser verfaulte, erhalten gerade mal die Hälfte ihres Verlustes. Dafür haben die Getreideanbauer eine überdurchschnittliche Ernte zu erwarten… Letzes Jahr war die Getreideernte besonders gering ausgefallen, der frostreiche, aber schneearme Winter 2011/12 führte zu großen Verlusten bei der Wintersaat. Dieses Jahr gab es viel Frost und viel Schnee. Unter der Schneedecke entwickelte sich die Wintersaat prächtig und wurde nach dem Tauwetter bis Mitte Juni mit überreichlich Regen versorgt. Die Körner in den Ähren sind dieses Jahr richtig dick…

Ein SWR-Klimaexperte prophezeite, dass die Mitte Juni eingesetzte Phase von Hitzewellen noch einige Zeit anhalten werde. Immer wieder kommt heiße Saharaluft von Marroko über Spanien und Südfrankreich nach Deutschland. Montag wird es zwar etwas kühler, Donnerstag ist die nächste Hitzewelle schon wieder da. Was diese anhaltende Wetterlage für die Kartoffeln, Rüben und den Wein bedeutet, ist noch nicht abschließend zu sagen. Zwar müsste nach den Frühjahrsüberschwemmungen noch genügend Grundwasser vorhanden sein, aber die Reben hatten erst Ende Juni/Anfang Juli Fruchtansatz zu verzeichnen. Jetzt fehlt den Reben zur Fruchtentwicklung noch das Oberflächenwasser…

Die Landwirtschaftsbetriebe sind krisenanfälliger geworden. Das hängt weniger an der Häufung der Extremwetterlagen, sondern am Strukturwandel in der Landwirtschaft. Bis in die 60er Jahre gab es die Volllandwirtschaft. Da wurden Kühe, Schweine und Hühner gehalten, Getreide, Kartoffeln, Rüben und Wein angebaut. Auch die eher gärtnerisch ausgerichtete Landwirtschaft mit Obst- und Gemüseanbau war breiter diversifiziert Der Arbeitsaufwand jedoch konnte nur in kinderreichen Mehrgenerationenbetrieben geschafft werden. Zum Pillenknick kam die EU-Politik, durch immer größere Mengen die Preise niedrig zu halten. Wer 10 Kühe hatte, machte im Milchbereich Verlust. Die Milchwirtschaft konzentrierte sich zunehmend auf Betriebe mit mehreren hundert Kühen. Kleine Molkereien verschwanden, die großen Molkereien zahlten immer weniger, sodass die Milchbauern auf Mengensteigerung der einzelnen Kühe setzten. Dazu brauchte es Kraftfutter, heute vor allem auf Sojabasis. Bis zum BSE-Skandal wurde auch Tiermehl an die im Prinzip reinen Vegetarier verfüttert. Kühe, die viel Milch geben, produzieren nicht gerade geschmacks- und inhaltsreiche Qualitätsmilch. Wenn Sie mal in die Schweiz fahren, fahren Sie in die Gruyère und probieren Sie die Milch von den Almkühen. Wie herrlich doch Milch schmecken kann, die Kaffeesahne wird dort in Schokoladenhalbkugeln, die die Konsistenz von Pralinen haben, serviert. Natürlich erfolgt eine solche Milchproduktion nur mit hohen Subventionen. Aber diese erhalten Qualität und die almgeprägte Landschaft mit ihren kräuterreichen Almwiesen.

Die Biowelle in Deutschland führt hier zu ersten Änderungen, ein Beispiel: die Heumilch aus Baden-Württemberg. Die Kühe fressen des Sommers nur Gras, im Winter nur Heu. Das gibt weniger Milch pro Kuh, also höhere Milchpreise. Trotzdem könnte es auch für die Verbraucher ertragreich werden, wenn der Handel nur noch so viel Milchprodukte in den Molkereien bestellte, wie er tatsächlich verkauft. Er bestellt doppelt so viel. Die Hälfte landet auf dem Müll. So geht es auch mit dem Fleisch im Lebensmittelhandel. Die Hälfte landet auf dem Müll. Das geht natürlich nur mit Fleischpreisen, wie sie durch die Massentierhaltung möglich werden. Dort sind nicht nur die Großställe mit der wenig tiergerechten Haltung das Problem, sondern auch die extrem verkürzte Lebenserwartung der Tiere. Kerniges Schweinefleisch entsteht klassisch durch mit selbsterzeugtem Futter gemästete Schweine. „Kraftfutter“ und reichlich Antibiotikagaben haben die Lebenserwartung der Schweine allerdings auf wenige Monate herabgesetzt. Das so produzierte wässrige und wabbelige Schweinefleisch ist konkurrenzlos billig.

Die Massenproduktion hat die bäuerliche Vollerwerbslandwirtschaft weit zurückgedrängt. Die Lebensmittelqualität ist in den letzten 50 Jahren drastisch gesunken. Anders beim Wein. Die Großabnehmer, wie Sektkellereien, und Großbrennereien kaufen weitgehend im Ausland. Wer ganz wenig zahlen will, findet ausländischen Massenwein beim Discounter. Die deutschen Weingroßkellereien versuchen, dem Preiskampf Stand zu halten und zahlen pro Fass immer weniger. Um zu überleben, sind die Winzer auf Selbstvermarktung angewiesen. Das zunehmende Angebot von Flaschenweinen direkt vom Winzer erzeugte nicht nur große Nachfrage, sondern auch große Qualitätssteigerungen. Hier zeigt sich: mit Qualität können Landwirtschaftsbetriebe lebensfähig sein.

Kommt der Verbraucher auf das Land, erwartet er auch eine intakte Landschaft. Die Bewahrung der Ökologie, wie sie die neue Gemeinsame Agrarpolitik der EU anstrebt, kommt also auch den Vermarktungsinteressen der Landwirte entgegen. In der Landwirtschaft kommt es ganz allmählich zu einem Trend, der mit „zurück zu Qualität, biologischer und tiergerechter Produktion“ umschrieben werden kann. Rheinland-Pfalz hat das Glück, mit der ausgebildeten Landwirtin Ulrike Höfken eine Landwirtschaftsministerin zu haben, die kenntnisreich auf diesen Trend setzt: lebensfähige Landwirtschaft durch bäuerliche Strukturen und Biodiversität. Ilse Aigner, CSU-Bundeslandwirtschaftsministerin, setzt auf das Gegenteil: industrielle Landwirtschaft. Die Wähler haben bei der Bundestagswahl die Chance, der verfehlten Aigner-Politik eine Abfuhr zu erteilen.

Die Kanzlerin wird’s nicht richten: die Physikerin kommt aus dem Teil Deutschlands, der lange auf landwirtschaftliche Großproduktion mittels der LPGs setzte… Da fehlt in den prägenden Jahren der emotionale Bezug zur Landwirtschaft. Wie sie auch, wie alle DDR-BürgerInnen jahrzehntelang geprägt durch die Stasi, die Ausspähaffäre offenbar so schwer nicht nimmt. Selbst das Problem mit den Drohnen verdrängt Merkel. Rheinland-Pfalz ist da besser: Unsere Drohne ist schon im Praxistest: ein ferngesteuerter Mini-Sprühhubschrauber für die Weinberge. Rheinland-Pfalz ist besser und isst besser, wie die Kampagne des Landwirtschaftsministeriums deutlich macht.

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