Kommentar zur Ganztagsschule


Kinder brauchen Freiheit

von Peter Terno

Mainz, 05.08.13. Ein wenig krümmt sich mir der Magen, wenn ich von der Ganztagsschule höre. Ich war einfach zu froh, wenn spätestens um 13.30h die Schule rum war. Ich hatte ja auch noch anderes zu tun. Zugegeben, ich hatte nicht immer Zeit für Hausaufgaben, schließlich musste ich das Sandgrundstück, auf dem das Mietshaus stand, in dem ich groß wurde, mit Städten aus Sand überziehen. Auch musste ich mein Gärtchen bestellen, Unkraut jäten, Gemüse pflanzen… Ja, und lesen musste ich auch, vor allem das, was es nicht in der Schule gab. Meine Schwester und ich erfanden eigene Spiele, eigene Welten ganz ohne Spielkonsole. Mit unseren Eltern spielten wir auch mal „Mensch ärgere dich nicht“, unsere eigenen Spiele kamen uns schöner vor. Natürlich spielte ich nicht bis zum Abitur Sand und Lego. Irgendwann in der Pubertät erlosch das Interesse daran, aber noch heute kann ich mir als blinder Mensch Gebäude detailliert vorstellen, wenn sie mir erklärt wurden.

In der Stadtbibliothek fand ich einen historischen Roman von Ricarda Huch, Goethepreisträgerin der Stadt Frankfurt und ehemalige stv. Vorsitzende der Preußischen Akademie der Wissenschaften. Ricarda Huch schrieb Sätze, die waren manchmal länger als bei Thomas Mann, da hatte ich als 13-14-jähriger Schüler manchmal ganz schön zu tüfteln, bis ich so einen Satzinhalt auch verstand. Auch ihre altertümlichen Worte waren ein Hindernis, anfangs. Wer in der eigenen Sprache fremde Worte entdeckt, hat es mit den Worten der anderen Sprachen einfacher. Die Stadtbibliothek war für mich der Tresor, in dem ich alles fand, was die Schule vergaß, mich zu lehren. Wer gerne liest, will schreiben, also fing ich an, bei einer Schülerzeitung mitzumachen, gründete bald meine eigene Schülerzeitung, trat mit 16 Jahren in eine Partei ein… Einen Schulstreik gegen die Notstandsgesetze organisierte ich auch. In diesen jugendlichen Aktivitäten liegen bis heute die Quellen meines Tuns, zum Beispiel die Herausgabe der www.landeszeitung-rlp.de. Ein guter Schüler war ich nie. Ich widersprach zu oft, verachtete Lehrer, wenn wir es besser wussten. Später erfolgreiche Dichter, Denker und Forscher hatten übrigens auch nicht immer gute Zeugnisse. Kein Wunder, sie hatten mehr zu tun, als die Schule verlangte.

Damals, in den 50er und 60er Jahren, arbeiteten nur wenige Mütter. Meine Mutter begann halbtags zu arbeiten, als meine Schwester und ich garantiert halbtags auf das Gymnasium gingen. Die volle Halbtagsschule wurde ja erst unter der SPD-Landesregierung nach 40 Jahren CDU garantiert. Mütter fordern die Vereinbarkeit von Familie und Beruf. Sie wollen wissen, dass ihre Kinder ganztags betreut sind, wenn sie ganztags arbeiten. Das geht heute in der offenen Ganztagsschule. Nachmittags werden Hausaufgaben gemacht und die Schüler dabei unterstützt – das können nicht alle Eltern -, gibt es Sport-AGs, Musik-AGs, selbsttätiges Lernen und hoffentlich genügend Freiräume für selbsttätiges Lernen, beispielsweise durch eine üppig bestückte Schulbibliothek. Aber um 15.00h noch eine Klassenarbeit in Latein? Motivierender ist doch ein Besuch im Landesmuseum mit Übersetzungsübungen an Grabsteinen römischer Soldaten, das weckt Neugier.

Bertrand Russel, einer der wichtigsten Philosophen des vergangenen Jahrhunderts, hat in seinem Bändchen „Freiheit ohne Furcht“ über die Erziehung beschrieben, wie wichtig autonomes Lernen ist. Der Erwerb der eigenen Sprache beispielsweise kommt ohne Strafe oder Belohnung aus. Die einen Kinder beherrschen ihre Sprache früher, andere später, das Ziel aber erreichen alle. Lernmotivation ist die Einsicht in die Notwendigkeit zu lernen. Sie bildeten sich selbst heran… Kinder brauchen Freiheit, um selbst zu lernen, um selbstständig zu denken, um demokratiefähig zu werden, um nicht Opfer zu werden.

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