Sonntagskommentar: Der Herbst ist da


von Hans-Peter Terno

Mainz, 15.09.13. Na, das ist doch keine Neuigkeit, werden Sie bei dieser Überschrift gedacht haben. Den Herbst haben Sie schließlich auch vor Ihrer Haustür. Sechs Tage vor dem astronomischen Herbstbeginn ist diese Jahreszeit angebrochen. Es gibt ZeitgenossInnen, die freuen sich auf die bunten Blätter. Als blinder Mensch sehe ich diese Farben nicht mehr, habe diese verblassenden Rot-, Gelb- und Braun-Töne aber noch aus der Zeit als ich sah in Erinnerung. Vorherrschend in meiner Herbsterfahrung sind heute die modrigen Gerüche, die nicht gerade optimistisch stimmen. In sechs Monaten sieht das wieder anders aus. Vielleicht beginnt der nächste Frühling ja auch sechs Tage früher…

Die Geräusche in der Stadt haben sich auch geändert: Nervten im Sommer die Straßenmusiker an der Kaffeeterrasse vor meinem Balkon, so sind es jetzt die Autos auf regennasser Straße. Die machen auch ganz hässlich Lärm. Insbesondere sonntagmorgens zusammen mit dem Hauptgeläut aller Kirchen ringsum, einem brummenden Frachtjumbo in der Luft und von der anderen Rheinseite herübergewehtem Bahnlärm… Ein Geräusch aber fehlt: Bewusste Kaffeeterrasse mit ihren Straßenmusikern gehört zu einem historischen Gebäude, das jahrelang als Aufenthaltsort der fettesten Tauben der Stadt diente. Um diese Taubenplage zu vertreiben, wurde vor drei Jahren ein Gerät installiert, das Raubvogelschreie, vor allem Falkenschreie, hören lässt, um die Tauben zu vertreiben. Ich dachte, das geht elektronisch, aber offenbar waren die Falken doch echt. Wie ich darauf komme? Weder die Tauben noch ich hören sie. Seit drei-vier Wochen ist Ruhe.

Die Falken hört man nun im Radio bei der Presseschau – Sie lassen ihr Raubvogelgeschrei in den Kommentaren der gutbürgerlichen Tageszeitungen zur Syrienkrise ertönen. Sah es anfangs so aus, als ob Briten, Franzosen und Amerikaner gleichzeitig die Militäranlagen in Syrien bombardieren würden, schrien diese Falken noch nach einer Beteiligung der Bundeswehr an der Attacke. „Wir dürfen nicht immer abseits stehen“, tönten sie und man merkte an den Untertönen in den Kommentaren, wie sich die Herren Kommentatoren schon mal im Geiste die Uniform angezogen hatten.

Dem britischen Premierminister verbot das Parlament, sich am Militäreinsatz zu beteiligen. Obama kündigte ihn ein ums andere Mal an, während er gleichzeitig einen Ausweg suchte. Erst war es die Zustimmung des amerikanischen Parlaments, obwohl die Falken in den deutschen Tageszeitungs-Kommentaren nicht müde wurden, ein ums andere Mal zu betonen, dass Obama auch ohne Zustimmung des Parlaments den Angriff befehlen könne. Dann brachte eine Andeutung seines Außenministers Russen und Syrer auf den richtigen Pfad: die syrischen Chemiewaffen sollen internationalisiert und vernichtet werden. Obama ergriff die Chance und der diplomatische Weg zu Verhandlungen wurde frei. So eröffnete sich die Chance, die direkte Konfrontation zwischen den USA und Russland zu vermeiden. Diese hätte unabsehbare Folgen. Ein „unkalkulierbares Risiko“ eben, wie Schröder seinerzeit Golf-Krieg II bezeichnete.

Die Falken in der Tagespresse und im öffentlich-rechtlichen Rundfunk sehen die erhoffte Attacke schwinden. Als „Lahme Ente“ beschimpfen sie Obama und nehmen jedes kämpferische Wort des amerikanischen Außenministers vor den Verhandlungsrunden dankbar auf. Zu gerne hätten sie es, wenn es mal wieder zur Sache ginge, das sicherte immerhin Auflage und Hörerquoten… Peer Steinbrück formulierte: „100 Tage Verhandlungen sind besser als drei Tage schießen“. Samstagnacht ließ Obama verlauten, die Verhandlungen würden Fortschritte machen. „Verdammt, doch kein Krieg“ wird sich da so mancher Kommentator gedacht haben. Mich allerdings beruhigt es, dass die Vernunft eine Chance bekommen hat, sich durchzusetzen. So unmenschlich die Gewalttaten beider Seiten im innersyrischen Konflikt auch sein mögen, so können sie doch nur beendet werden, wenn die Diplomatie eingreift.

Um einen Giftgasangriff festzustellen, hätte es keiner UN-Inspektoren gebraucht. Um festzustellen, aus welchen Lagern dieses Giftgas stammte, aber schon. Die neunmalklugen Kommentatoren haben offenbar vergessen, dass seit dem Zusammenbruch des Gaddafi-Regimes viele Waffen in die Hände von Milizen gelangt sind, Gaddafi hatte auch eine Unmenge von Giftgaswaffen angehäuft. „Aber Terno, jetzt geht es doch um die Wahlen in Deutschland, nicht um Syrien“, höre ich Sie rufen. Sicher. Aber käme es zu einer direkten amerikanisch-russischen Konfrontation, wäre es zweifelhaft, ob Bundestags- und Landtagswahlen noch durchzuführen wären. Die beiden Weltmächte haben jeweils das Mehrfache der Atombomben, die notwendig wären, um die Menschheit auszulöschen, in ihrem Besitz…

Nun haben wir derzeit nicht das Regierungspersonal, dass einer Verschärfung der Lage gewachsen wäre. Die Kanzlerin bewies das letzten Freitag. Sie verließ den G20-Gipfel, bevor sich die europäischen Teilnehmerstaaten auf eine gemeinsame Erklärung zum Konflikt geeinigt hatten. So konnte die Frau, die zuvor angekündigt hatte, sich um eine diplomatische Lösung zu bemühen, am ersten Schritt zu eben dieser Lösung nicht mitwirken. Ja, und dann haben sich Russland und die USA gestern Mittag darauf geeinigt, die syrischen Chemiewaffen zu erfassen und innerhalb eines Jahres in Syrien zu vernichten. Die syrischen Aufständischen heulten auf. „Schon seien syrische Chemiewaffen nach Irak und Libanon geschafft, behaupten sie, in der Hoffnung in letzter Minute doch noch ein Bombardement der syrischen Regierung zu erreichen. Mit der Einigung bleibt ihnen jetzt nur ein einziger Weg: verhandeln statt schießen. Jetzt ist zu hoffen, dass die Falken müder werden…

Angela Merkel freute sich dann pflichtschuldigst auf ihrer Mainzer Wahlkampfveranstaltung auf der regennassen Laubenheimer Höhe im Hofgut des von der FDP zur CDU (so lautet es gerüchteweise) konvertierten Großgastronomen Barth. Allerdings, die Experten müssten die Lage noch bewerten. Mit dieser Äußerung brachte Merkel ihre Wahlkampfveranstaltung am Rande der Stadt in die Medien. Brüderle musste da schon auf der Bühne des Kurfürstlichen Schlosses in Mainz fallen, um den FDP-Parteikonvent in die Medien zu bringen. Steinbrück, der wegen seines Beliebtheitsanstiegs bei den demoskopischen Umfragen wieder in den gutbürgerlichen Medien verschwiegen wurde, brachte es mit dem erhobenen Mittelfinger, einer gestellten Geste für die Süddeutsche, wieder in die Zeitungsspalten. „Des Philippsche“, wie ein FDP-Delegierter aus der Region außerhalb des Tagungssaales im Schloss formulierte, meinte, so einer, der so eine Geste wie Steinbrück zeige, könne kein Bundeskanzler werden. Ausgerechnet der Mätzchen-Vorsitzende der Mätzchen-Partei FDP.

Merkel schaffte es sogar, die Alternative für Deutschland, AfD, wieder in die Schlagzeilen zu bringen. Der „Hannoverschen Allgemeinen“ versicherte sie, sie werde nach der Wahl definitiv nicht mit der AfD zusammenarbeiten. Ach, Angela Merkel, das war ein Fettnapf! Die richtige Antwort wäre gewesen: „Ach, fragen Sie mich doch nicht nach dieser aussichtslosen Gruppierung“. Merkel kann halt auch daneben tappen, und die Arbeits- und Sozial-Ursula tat es ihr gleich: „Die AfD kann nicht mit der Europapartei CDU zusammenarbeiten“, sagte sie der Welt am Sonntag. Jetzt wissen es also die überkonservativen Wähler: „Es lohnt sich AfD zu wählen, die CDU rechnet offenbar mit deren Einzug in den Bundestag.“

Alles ist offen am 22. September. Heute Abend, so schaut es aus, wird der bayrische Normalstatus wieder hergestellt: „König Horst“ Seehofer wird ein eindrucksvolles Plebiszit erhalten. Das wird gefährlich für Angela Merkel: Nicht nur, dass das Gewittertief aus Bayern verstärkt wird, sondern auch, weil sich viele Bayern am 22. fragen werden, warum sie schon wieder zur Wahl gehen sollen. Fehlende Stimmen aus Bayern aber könnten Merkel dann die Mehrheit kosten. Der Redakteur fände es nicht schlimm, wenn Angela Merkel ihren persönlichen Herbst 2013 erlebte.

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