Sonntagskommentar: Weinjahrgang noch unsicher


von Hans-Peter Terno

Mainz, 29.09.13. In der Pfalz hat die Weinernte begonnen. Die Winzer sind optimistisch, eine gute Weinqualität erreichen zu können. Das sagen sie zumindest in die Fernsehkameras, der Wein soll dann ja auch verkauft werden, da darf kein Zweifel am Jahrgang aufkommen… Ganz so optimistisch sind rheinhessische Winzer nicht. Sie bemerken die Verzögerung des Vegetationsbeginns im Frühling auch jetzt noch. Der Sommer war zwar lang und heiß. Dennoch fehlen dem Wein noch 2-3 Wochen bis zur endgültigen Reife. Um diese Reife aber zu erreichen, muss die Luft trockener werden. Die Altweibersommersonne zur Mittagszeit alleine reicht nicht. Der Morgennebel muss zurückgehen, sonst faulen die Trauben weg und die Ernte muss zu früh begonnen werden. In drei Wochen wissen die Rheinhessen besser, wie ihr Wein wird, an Mittelrhein, Mosel und Ahr ist die Situation ebenso unsicher und an der Nahe variiert sie von Weinberg zu Weinberg. Viel Licht und Schatten also bei den Erwartungen zur diesjährigen Weinernte. Manchem Wein wird man es anmerken, dass er in einem verschatteten Weinberg gestanden hat…

Winzerstochter Julia Klöckner weiß auch, wie eine Ernte schön zu reden ist. Sie wandte dieses Wissen Sonntagabend und am Montag auf die Ergebnisse der Bundestagswahl an. Die Merkel-CDU kam auf beachtliche 41,7%, 58,3% wählten allerdings anders. Da zwei Parteien nur äußerst knapp an der 5%-Hürde scheiterten (AfD und FDP) hätte das Ergebnis sogar fast zur absoluten Mandatsmehrheit im Bundestag gereicht. Aber, „beinah ist kein Haas erschosse“, weiß der rheinhessische Winzer und „beinah ist noch kei Wahl gewonne“, weiß die ehemalige hessische Spitzenkandidatin Ypsilanti. Die griechischstämmige Frau beherrscht ja das Frankforterisch perfekt. Zu den Wahlgewinnern bei der Bundestagswahl zählen neben der CDU/CSU auch die SPD und die außerparlamentarische AfD. Alle drei Parteien haben an Stimmen hinzu gewonnen. FDP, Grüne und Linkspartei haben Stimmen verloren. Die Wahlkampfkostenerstattung, die die AfD zu erwarten hat, wird ihr helfen, den Wahlkampf für die Europawahl zu gestalten. Da gibt es keine 5%-Hürde.

Die FDP hingegen wird mit ihrer Wahlkampfkostenerstattung kaum die Löcher abdecken können, mit denen sie wegen des Verlusts der parlamentarischen Existenz rechnen muss. Die über 500 Fraktionsmitarbeiter der FDP-Bundestagsfraktion allerdings haben jetzt erst einmal jede Einnahme verloren… Erstaunlich übrigens auch, wie wenig aus der FDP-Fraktion im Bundestag raus kam. Womit bloß haben sich die 500 Fraktionsmitarbeiter der FDP beschäftigt? Nun ja, dank der Mithilfe von FDP-Wirtschaftsministern verloren beispielsweise die Mitarbeiter von Quelle und Schlecker ihre Arbeitsplätze. Die schmerzt es nicht, dass der FDP-Wirtschaftsminister jetzt auch seinen Arbeitsplatz verloren hat. Einzig für Rainer Brüderle ist kein gravierender Einkommensverlust zu erwarten, er hat aus Landtag und Bundestag, Landesregierung und Bundesregierung vielfältige Ruhestands-Einkünfte zu erwarten. Ansonsten ist der FDP-Weinberg anno 2013 ein Totalverlust.

So gut auch der Ertrag des Weinbergs der Frau Merkel ist, reicht er dennoch nicht. Um die richtige Menge zu erreichen, muss der Wein verschnitten werden. Entweder mit dem grünen Veltiner der Grünen oder dem roten Burgunder der SPD. Die Winzer besagter Weine würden ihren Ertrag aber lieber selbst behalten… Schon die Zustimmung zu Sondierungsverhandlungen versetzte die SPD ja in heftige innerparteiliche Kämpfe. Freitagabend stimmte der SPD-Konvent zu, will aber nach den Sondierungsgesprächen erneut tagen. Auch die formelle Aufnahme von Koalitionsverhandlungen soll genehmigt werden, der Koalitionsvertrag, wenn überhaupt ein solcher vereinbart würde, müsste dann von den SPD-Mitgliedern genehmigt werden. Diese sind noch mehrheitlich skeptisch. Der Wunsch, nur eine CDU-Minderheitsregierung zu tolerieren oder ganz in die Opposition zu gehen, besteht noch. Ähnlich ergeht es der grünen Basis. Auch sie ist mehrheitlich skeptisch gegenüber Überlegungen, mit der CDU zu koalieren. Nicht nur, dass sie der CDU bei der Energiewende nicht über den grünen Klee traut, sie schreckt auch, dass sowohl der Koalitionspartner der Großen als auch der der schwarz-gelben Koalition in der nachfolgenden Bundestagswahl jeweils an Stimmen verlor.

Winzerstochter Klöckner jubelt noch heute über das vermaledeite CDU-Wahlergebnis. Mit 0,4% weniger für die CDU und 0,4% mehr für die FDP hätte Merkel mit ihrem alten Regierungspartner weiter koalieren können. Jetzt aber Schwarz-Rot – oder Schwarz-Grün? Es scheint, dass Wolfgang Schäuble und CDU-Vize Laschet sich Steuererhöhungen als Hochzeitsgabe für die SPD vorstellen können. Julia Klöckner würde das aber nicht mitmachen, wie sie erst gestern Springers rechtskonservativem Blatt „Die Welt“ kundgab. Ohnehin wäre Klöckner froh, wenn es im Bund zu Schwarz-Grün käme. Auf Sicht brächte das die rot-grüne Mehrheit im Bundesrat auf. Klöckner hätte Schwarz-Grün auch deshalb lieber, weil sie dann mehr Chancen auf eine Mehrheit für eine schwarz-grüne Koalition nach den nächsten Landtagswahlen in Rheinland-Pfalz hätte. Die CSU sähe in einer solchen Koalition auch besser aus, als in einer mit der SPD.

Die Parteien haben ihre Ernte eingefahren. Der Most gärt. Ob aber ein trinkbarer Wein und keine neue Essigkreation daraus wird, ist noch nicht klar. Einen guten Kellermeister brauchen alle. Selbst dann, wenn dieser Kellermeister eine zänkische Frau hätte, die ihm immer wieder in die Fässer spuckt. So ein wenig erinnert diese Frau an Julia Klöckner. Wer wie sie in der „Welt“ der SPD ihre Einbeziehung der Mitglieder in die Entscheidungen zur Regierungsbildung vorwirft, will in Wahrheit keine Koalition mit der SPD. Die rheinland-pfälzischen Regierungsparteien sind es gewohnt, wie Klöckner unentwegt auf Angriff statt auf Konsens setzt. Deshalb wird es ihr auch bei einer schwarz-grünen Koalition im Bund nicht gelingen, in Rheinland-Pfalz mit den Grünen zu koalieren. Zu sehr hat sie bislang die grünen Ministerinnen und den grünen Fraktionsvorsitzenden angegriffen. Hören Sie mal eine Landtagsdebatte. Malu Dreyer reagiert auf Frau Klöckner mit: „Ach, hören Sie doch auf,…“ und Daniel Köbler schimpft: „Jetzt reicht es aber, Frau Klöckner…“.

Ach so, was macht eigentlich die Frau, die wieder Bundeskanzlerin werden will? Letzten Montag rief sie bei Sigmar Gabriel an, um ein Sondierungsgespräch anzubieten. Der bat sie, bis nach dem Parteikonvent zu warten. Merkel wars einverstanden. Dann tat sie das, was sie am besten kann: sie wartete ab. Wartete, welche Mehrheit sich in ihrer eigenen Parteienkoalition von CDU und CSU herauskristallisiert. Noch kennt Merkel den Wind nicht, in den sie ihre Fahne hängen soll.

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