Kommentar zum Tag der deutschen Einheit


von Hans-Peter Terno

Mainz, 03.10.13. Der Tag der deutschen Einheit war vor der Wiedervereinigung am 17. Juni. Ein Gedenktag an einen Arbeiteraufstand in der DDR. Russische Panzer machten dem Geschehen ein schnelles Ende. Die Ostdeutschen fügten sich für eine lange Zeit, und die Westdeutschen gingen zur Tagesordnung über. Gut zehn Jahre nach besagtem Arbeiteraufstand hatte ich eine Kinderrolle in einem Hörspiel über den 17. Juni. Das Hörspiel drehte sich um einen Busausflug an diesem Tag, der im Alkohol endete. In der „alten“ Bundesrepublik war der 17. Juni schnell zu einem Ausflugstag verkommen. Zum feierlichen Gedenken trafen sich immer weniger Menschen an den Denkmälern des Kuratoriums unteilbares Deutschland. Die meisten gingen ins Grüne zum Feiern.

Gegenüber dem alten Einheitstag hat der 3. Oktober, vom historischen Anlass mal abgesehen, einen großen Vorteil. Den Sommer noch in Erinnerung, haben die Bürger im beginnenden Herbst wenig Lust, ins Grüne zu gehen, sie warten eher auf das bunte Herbstlaub. Aber so ein sonniges Einheitsfest wie heute in Stuttgart? Das zieht, gibt es da doch was zu Essen und zu Trinken. Bremer Hafenfisch wird ebenso angeboten, wie Thüringer Klöße oder bayrische Weißwurst. Dazu Weine und Biere in allen Varianten. Rund 400.000 Menschen erwartet die baden-württembergische Landeshauptstadt. Stuttgart ist Ort der zentralen Feiern zum Einheitstag.

Das nenne ich mir einen Nationalfeiertag! Reichlich zu Essen und zu Trinken, aber keine Militärparade. Die ist ja in Ländern wie Frankreich und Russland noch heute an den Nationalfeiertagen üblich. Die anderen sollen eben sehen, mit welchen Waffen sie im Zweifelsfall getötet werden. Eine Militärparade verbietet sich zum Tag der deutschen Einheit allerdings von selbst. Schließlich haben die Bewohner der DDR ihre Regierung ganz friedlich aus dem Amt gejagt und haben sich dann ohne Zwang auch zur Vereinigung mit der Bundesrepublik entschlossen. Helmut Kohl warb ja auch mit Kräften dafür und versprach den Menschen in der DDR, ihre alte Währung 1:1 zu tauschen. Das freute die Kleinsparer. Jetzt konnten sie kaufen, was sie wollten: Westsekt, Westbrötchen, Westgurken und Westporno. Nicht nur Beate Uhse verdiente sich in dieser Zeit eine goldene Nase mit den neuen Kunden im Osten.

So friedlich das Ganze war, so wenig kannten sich die Akteure, also die BürgerInnen der DDR, in Volkswirtschaft und Werbung aus. Sie glaubten den Versprechen Helmut Kohls und wachten erst auf, als sie arbeitslos waren. Das passierte sehr vielen der ehemaligen, friedlichen Revolutionäre. Die Produkte der ostdeutschen Volkswirtschaft, die sich bislang in aller Welt gut verkauft hatten, waren nun auf Basis der neuen Währung einfach zu teuer geworden. Billiger konnten die soliden Schwermaschinen von SKET oder die Kühlschränke von fagor aber auch nicht verkauft werden – deren Herstellung benötigte einfach zu viele Arbeitsstunden. Im Gegensatz zur westdeutschen Wirtschaft, hatte die ostdeutsche Wirtschaft kaum rationalisiert (Arbeiter durch Maschinen ersetzt), denn das „Recht auf Arbeit“ in der DDR hatte in den ersten drei Jahrzehnten jenes Staates für genügend Arbeitskräfte gesorgt und – als diese ausgingen – waren Gastarbeiter aus Vietnam immer noch billiger als Produktionsmaschinen aus dem Westen. Auch war es in diesem völlig anderen Wirtschaftssystem nicht so wichtig, ob ein Unternehmen Gewinne machte. Seine Funktion war die Zurverfügungstellung von Arbeitsplätzen und die Planerfüllung.

Zunächst kam nach der Einheit die große Arbeitslosigkeit. Viele der Produktionsstätten der DDR wurden „abgewickelt“, jüngere Arbeiter suchten sich neue Stellen in der Alt-BRD, andere kamen dann doch in den neu entstandenen Firmen unter. Die Arbeiter in der nach der Einheit entstandenen Solarindustrie Thüringens sind allerdings schon wieder arbeitslos, die chinesischen Anlagen sind billiger. Insgesamt aber haben die Menschen in den neuen Ländern einen erträglichen Lebensstandard erreicht. Natürlich gibt es auch Arbeitslose und Sozialrentner, die gibt es aber im Westen auch. Weniger in den Boomregionen wie Bayern oder Baden-Württemberg, etwa genauso viele im ehemaligen Land der westdeutschen Schwerindustrie, Nordrhein-Westfalen.

Die wirtschaftliche Lage hat sich also berappelt. Von Anfang an aber war eine große Änderung eingetreten: Abiturienten konnten sich nun selbst aussuchen, ob sie studieren wollten oder nicht. Sie haben auch noch heute die Fächerauswahl. Es gibt alles zu lesen, Kritik ist erwünscht und den Politikern können die Bürger sagen, was sie von ihnen halten, ohne dass sie die Stasi schikaniert. Die Einheit brachte vielen ehemaligen Bürgern der DDR wirtschaftliche Unsicherheit. Die Einheit brachte den Menschen aber auch persönliche Freiheit, das wiegt vielen mehr. Ja, auch die größten Ostalgiker greifen bedenkenlos zur Banane oder Apfelsine, ohne daran zu denken, wie selten es diese zu Zeiten der Planwirtschaft gab. Wir können uns über die Einheit freuen. Vor allem dann, wenn wir Demokratie nicht nur als Veranstaltung zum Zuschauen, sondern zum Mitmachen begreifen. Da hatte Malu Dreyer in ihrem Beitrag zum Tag der Deutschen Einheit Recht.

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