Sonntagskommentar: Zwischen Freude und Trauer

Terno_klein8

von Hans-Peter Terno

Mainz, 10.11.13. Im November häufen sich die Gedenktage. Es beginnt schon mit dem 1. November (Allerheiligen) und setzt sich so den ganzen Monat durch fort. Nicht alle diese Gedenktage sind staatliche Feiertage. Allerseelen und der Buß- und Bettag sind in Rheinland-Pfalz keine staatlichen Feiertage. Andere Feiertage wie der Volkstrauertag (in Kaisers Zeiten: Heldengedenktag) und der Totensonntag fallen auf Sonntage, an denen ohnehin Feiertagsruhe gilt. Beginnt in Mainz der Weihnachtsmarkt einmal vor dem Totensonntag, so sind an diesem protestantischen Gedenktag die Stände geschlossen, an den Adventssonntagen sind sie indes geöffnet. Alle diese Gedenktage sind jedoch einem Tag, an dem andere Gedenken nicht konkurrieren, zuzuordnen.

Anders steht es mit dem 9. November. In diesem Jahr jährt sich an diesem Tag das fürchterliche Geschehen der Novemberpogrome zum 75. Mal. Es gibt auch heute noch viele Menschen, die die Synagogenbrände, zerstörten Wohnungen, Werkstätten und Geschäfte, die an diesem Tag zusammengeschlagenen Deutschen jüdischer Religion erlebt haben. So ein fürchterliches Geschehen war im Deutschland des 20. Jahrhunderts zwanzig Jahre nach Ausrufung der Republik möglich. Da aber herrschten die Nazis ja auch schon seit fünf Jahren. Die Novemberpogrome waren wahrlich nicht die ersten Demütigungen, die Menschen jüdischer Religion in Deutschland erleben mussten. Seit Beginn der Naziherrschaft häuften sich jedoch die Entrechtungen. Bereits kurz nach Amtsantritt des Reichskanzlers Adolf Hitler wurden dieser Religionsgemeinschaft zugehörige SchauspielerInnen, MusikerInnen, LehrerInnen, Professoren und BeamtInnen aus ihren Stellen vertrieben. Es gab bereits gegen Ende der Weimarer Republik Seebäder, die sich als „judenfrei“ erklärt hatten.

Es gab von Anfang an kaum Widerstand in der Bevölkerung gegen die Behandlung dieser Menschen. Auch die sogenannten Nürnberger Rassegesetze wurden hingenommen. Die meisten Menschen jener Zeit schauten einfach beiseite. Als die Synagogen brannten, schauten die Menschen nicht beiseite; sie schauten zu, wie diese Gebäude niederbrannten, ohne dass die Feuerwehr einschritt… Wir wissen, wo der Rassenwahn der Nazis endete: im millionenfachen Völkermord in den Konzentrationslagern, im millionenfachen Tod europäischer Soldaten auf den Schlachtfeldern, in der Zerstörung vieler Städte und ihrer Menschen im Bombenkrieg. Das Deutsche Reich bombardierte als erstes. Das baskische Guernica wurde im Spanischen Bürgerkrieg von deutschen Bomben schon vor dem Zweiten Weltkrieg zerstört. In diesem Krieg bombardierte dann das Deutsche Reich Großbritannien, bevor sich die Alliierten zum Bombenkrieg gegen das selbsternannte Dritte Reich entschlossen. Da hatten sie schon ihre Grenzen für deutsche Exilanten, Juden, Sinti und Roma, Homosexuelle und politisch Verfolgte zugemacht. Denen blieb als einzige offene Stadt noch Shanghai…

Seit Gründung der beiden deutschen Staaten wurde der Novemberpogrome gedacht. Ein Gedenken, das lange Jahre sehr zwiespältig war. Die meisten Menschen, die in der ersten Hälfte der Bundesrepublik lebten, hatten ja bei den Novemberpogromen zugeschaut oder gar mitgemacht. Nur eine kleine Minderheit hat seinerzeit Juden versteckt, um diese vor der Deportation und anderem schlimmem Leid zu bewahren. Die Bilder, die von den Novemberpogromen verbreitet wurden, waren die brennender jüdischer Synagogen und die der geplünderten Kaufhäuser jüdischer Unternehmer. Die armen jüdischen Menschen, die jüdischen Arbeiter und Angestellten kamen im Gedenken kaum vor. So hielt sich die Hitlersche Propagandalüge des Weltfinanzjudentums. So hielt sich auch die unterschwellige Vermutung, dass die Nazis „schon irgendwie Recht gehabt haben müssen“, außerdem habe man ja „von alledem nichts gewusst.“ Heute, da die meisten Zeitzeugen tot sind, weiß man, dass sie alles wussten. Die Zeit heilt eben nicht alle Wunden.

Auch die Wunden der Margot Honecker brennen noch, wenn sie an den 9. November 1989 denkt, als die Mauer geöffnet und durchbrochen wurde. Plötzlich konnten die Ostdeutschen nach Berlin und die Berliner endlich mal auch in die nähere Umgebung. Die Öffnung der innerdeutschen Grenze war das Ergebnis einer innerdeutschen Revolution, die in der Entmachtung der SED endete und zum Beitritt der neuen Bundesländer zur Bundesrepublik Deutschland führte. Es war auch für die Bürger der DDR der Auftakt zu Demokratie und mehr Freiheit. Angesichts der heutigen Ausspähungstechniken wundern sich allerdings so manche Besucher der Stasi-Gedenkstätte über die analoge Bespitzelungstechnik der DDR. „Die NSA hätte das besser gemacht“, kommentierte ein rheinland-pfälzischer Schüler bei seinem Besuch in der Gedenkstätte trocken. Die veraltete Abhörtechnik wurde in vielen Fällen durch Freunde und Nachbarn ersetzt, die als informelle Mitarbeiter für die Stasi arbeiteten. Die westlichen Spionagedienste hatten allerdings schon Technik auf dem neuesten Stand in Berlin, um die Verantwortlichen in Ost und West abzuhören. Heute hören sie offenbar die Bundesregierung ab.

So weit zu den drei Gedenktagen am gestrigen Samstag. Am Montag, dem 11. November, wird es in den Fastnachtshochburgen am Rhein kunterbunt und besinnlich zugleich. Vormittags um 11.11 Uhr wird die neue Fastnachtskampagne ausgerufen – in Mainz tanzen beispielsweise bunt kostümierte Menschen auf dem Schillerplatz, um die neue Kampagne zu begrüßen. Abends geht dann ein Martinsumzug durch die Stadt, an dem Kinder mit Laternen teilnehmen. Sie singen gerne „Laterne, Laterne, Sonne, Mond und Sterne, gehe auf mein Licht, gehe auf mein Licht, aber nur meine liebe Laterne nicht“. Angeführt wird der Zug von der Symbolfigur des St. Martin, der der Legende nach seinen Mantel mit einem Bettler geteilt haben soll. Das, wie gesagt und geschrieben, ist ein öffentlicher Umzug. Um 19.11 Uhr beginnen an diesem Tag in vielen Sälen der Fastnachtshochburgen die ersten Fastnachtssitzungen zur Begrüßung der neuen Kampagne.

Der ganze Widersinn dieser Veranstaltungshäufung zeigt sich dann in der Woche in der Berichterstattung der Lokalpresse: Gedenken an die Novemberpogrome, Martinsumzug und Fastnachtsbeginn mit einigen Totengedenkveranstaltungen und ersten vorweihnachtlichen Basaren. Nicht nur in den Supermärkten liegen seit langem Weihnachtssüßigkeiten aus, sondern auch die BasarbastlerInnen versuchen immer früher fertig zu sein, um schon vor Advent ihre Bastelsachen zu verkaufen. Die Basarwaren ähneln sich ja derart, dass nur diejenigen sie los kriegen, die sie als erste anbieten.

Zu Weihnachten soll auch die Große Koalition fertig sein. Mir geht es damit allerdings wie vielen Atheisten mit dem christlichen Weihnachtsfest: „Wer’s glaubt, wird seelig“. Skepsis ist angebracht, wenn Ursula von der Leyen den Mindestlohn verhindern will und Julia Klöckner nach einer Koalitionsrunde mit Malu Dreyer die SPD-Länder in Breitbanddingen zu „Schnarchnasen“ erklärt. Immerhin, der Rest der CDU- und CSU-Verhandlungspartner erkannte das Anliegen der Malu Dreyer und der Breitbandausbau wird so in eine mögliche Koalitionsvereinbarung kommen. Zum Schluss entpuppt sich die nicht kleine Nase der Frau Klöckner als „Schnarchnase“… Aber die passt ganz gut in diesen schrillen Monat zwischen Freude und Trauer.

This entry was posted in Allgemein and tagged . Bookmark the permalink.

Comments are closed.