Sonntagskommentar: Wird ja auch Zeit


von Hans-Peter Terno

Mainz, 08.12.13. Wer in der Adventszeit in der Innenstadt lebt, ist ziemlich im Stress. Die gewohnten Gänge zum Metzger, dem Bäcker und dem Lebensmittelgeschäft sind erschwert. Die Stadt ist voller als sonst, die Einkäufer, die sich in ihr bewegen, sind in großer Hast. Verbissen blickende Menschen rasen von Geschäft zu Geschäft, um die Weihnachtsgeschenke für die Angehörigen und Freunde zu finden. Das wird von Jahr zu Jahr schwerer, denn eigentlich haben die meistens ja alles. Nun ja, einen Pullover kann man immer brauchen, Portemonnaeis, Handtaschen oder Armbanduhren sind Geschenkklassiker. Dazu gehören heutzutage auch Mobiltelefone oder die sogenannten Tablet-Computer.

Ich verschenke ganz klassisch Bücher – Bücher, die ich im Buchhandel kaufe. Schließlich kann ich im Buchhandel sicher sein, dass die BuchhändlerInnen einigermaßen ordentlich bezahlt werden. Das ist im Internet-Handel fraglich. Überhaupt, wenn Sie heute in einer der größten innerstädtischen Elektronikketten einen PC oder ein Notebook kaufen, werden Ihnen bei Nachfrage große Rabatte angeboten, vor Angst, dass Sie sich nur genau das Gerät anschauen wollen, um es dann im Internet zu bestellen. Kleidung kaufe ich ohnehin nur im stationären Handel. Ich will ja auch, dass sie passt, will die Qualität des Stoffes fühlen und die Verarbeitung der Nähte überprüfen. Trotzdem sind selbst im Textil-Einzelhandel die Umsätze erheblich zurückgegangen, da immer mehr Menschen Kleidung im Internet bestellen. Passt sie nicht, kann man sie ja wieder umtauschen…

Dabei ist der Kauf im Internet kaum zeitsparend. Geliefert wird meist ausgerechnet dann, wenn man nicht zu Hause ist. Dann muss das Paket bei der Post abgeholt werden. Gerade jetzt muss man da durchaus lange warten. Nicht nur bei der Abholung, auch dann, wenn man die Ware zurücksenden will, weil sie nicht passt oder die Qualität nicht ausreicht, steht man schon wieder in einer langen Warteschlange. Dann doch lieber in ein Geschäft gegangen, anprobiert und das Passende nach Hause getragen. Doch der Internethandel boomt. Die Tendenz ist nicht mehr zu stoppen. Die Post erwartet zu diesem Weihnachtsfest eine Milliarde Paketsendungen. Dieser Umsatz fehlt im Einzelhandel – doch unverdrossen wird die Verkaufsfläche ausgeweitet.

Der Einkaufszentren-Errichter ECE plant in Rheinland-Pfalz in Mainz und Trier trotz des Widerstands der Bevölkerung neue Einkaufszentren zu errichten, in Kaiserslautern wird bereits kräftig gebaut – da wird manch traditioneller Einzelhändler wohl seine Tore schließen müssen. Denn Internet und ECE sind zusammen eine zu mächtige Konkurrenz. Ob die Zentren eine Zukunft haben, ist auch fraglich. Zu den Mieten für die Läden kommen ja auch Nebenkosten, die im Vergleich zu althergebrachten Geschäftshäusern ungleich höher sind. Die Kosten müssen ja auch erwirtschaftet werden, auch außerhalb der Weihnachtszeit…

Kinder wissen von diesen Problemen nichts. Sie vertrauen zumeist in Gegenwart und Zukunft, zumindest wenn sie in Deutschland geboren und aufgewachsen sind und nicht als Angehörige von Flüchtlingen traumatisiert in unser Land kommen. Kinder vertrauen vor allem in die Geschenkrituale zu Nikolaus und zu Weihnachten. Das deutsche Fernsehen interviewte Kinder am Vorabend des Orkans Xaver, ob denn der Nikolaus trotz des Orkans kommen könnte. „Natürlich“, meinten sie, dem mache der Orkan nichts aus, die Rentiere könnten trotzdem durch die Luft reisen und zu ihnen käme der Weihnachtsmann bestimmt. Davon gehen auch viele Kinder aus, die nicht christlich erzogen werden. Deren Eltern wollen sie ja nicht enttäuschen, denn schließlich können Kinder nicht verstehen, wenn alle anderen etwas geschenkt bekommen und sie nicht. Es muss nicht viel oder besonders teuer sein, es muss etwas sein, mit dem sie sich beschäftigen können. Ein Buch, ein Plüschtier oder eine Schachtel Lego. Modelleisenbahnen sind aus der Mode gekommen, Spielkonsolen kommen besser an.

Am glücklichsten dürften aber der kleine syrische Kriegsverletzte in Bad Kreuznach und seine Geschwister sein. Der 7-jährige Junge, der durch diese Kriegsverletzung erblindet ist und dessen Gesichtsverletzungen vom Bad Kreuznacher Transplantantionsteam geheilt werden, kann rechtzeitig zur Weihnachtszeit seine Geschwister, die in Syrien bleiben mussten, wieder in die Arme schließen. Dank der Weihnachtsfrau Irene Alt, die den Behörden und der deutschen Botschaft im Libanon Dampf macht, können die drei Geschwister jetzt endlich wieder zu ihren Eltern und ihrem kleinen Bruder. Diese Familie immerhin ist jetzt komplett in Deutschland und so der syrischen Bürgerkriegsmaschine entronnen. Millionen Syrer sind in den Nachbarländern als Flüchtlinge untergekommen. Dem Krieg sind sie so entronnen, dem Hunger und der Krankheit meist aber nicht. 5000 Flüchtlinge wollte auch die Bundesrepublik Deutschland aufnehmen, 2500 Flüchtlinge sind erst da, und jetzt hat die Innenministerkonferenz beschlossen, weiteren 5000 Flüchtlingen Unterschlupf zu gewähren. Das sind weniger als 1% der syrischen Flüchtlinge. Das bettelarme Jordanien hingegen beherbergt hunderttausende Flüchtlinge – wirklich kein Grund für uns, stolz zu sein. Vielmehr ein Grund der Scham für so viel Engherzigkeit.

Diese Woche starb Nelson Mandela. Zu Zeiten, als Nelson Mandela im Gefängnis saß, machte die Bundesrepublik Deutschland große Waffengeschäfte mit Südafrika. Mercedes und Volkswagen und viele andere bauten dort Fabriken, und das Apartheidregime fand durchaus Freunde in der Bundesrepublik, insbesondere in den Unionsparteien. Nelson Mandela saß 26 Jahre im Gefängnis und wurde dann der erste schwarze Präsident Südafrikas. Ohne Bürgerkrieg und ohne außenpolitische Konflikte mit den Unterstützern des Apartheidregimes. Deren Staatsfrauen und -männer rühmten Nelson Mandela jetzt für seine Taten. Noch ist nicht richtig klar, welche/r Vertreter/in der Bundesrepublik zu den Trauerfeierlichkeiten fährt. Spätestens zu diesem Zeitpunkt aber wäre es angebracht, sich für die Unterstützung des südafrikanischen Apartheidregimes zu entschuldigen und auch den Hereros in Namibia endlich eine Entschädigung für den Völkermord zu zahlen, den das deutsche kaiserliche Militär an ihnen verübte. Die Bundesrepublik Deutschland ist Rechtsnachfolger aller vorangegangenen Regierungen, auch der kaiserlichen. Das wäre doch was, wenn die neue Bundesregierung endlich die alten Reparationsforderungen aus den letzten beiden Weltkriegen und Kolonialkriegen erfüllte – da steht noch viel aus.

Die Mitglieder der SPD können übrigens in diesen Tagen einen besonderen Wunschzettel absenden. Nicht an den Weihnachtsmann, sondern an die SPD-Parteizentrale. Sie können sich große Koalition oder Opposition wünschen. Die große Koalition würde so manche essentiellen Wünsche erfüllen: gesetzlicher Mindestlohn von 8,50 Euro, abschlagsfreie Rente mit 63 Jahren nach 45 Jahren Berufsausübung, Abbau von Werkverträgen, Leih- und Zeitarbeit, Mietpreisbremse, neuer Pflegebegriff, mehr Geld für Bildung und Kommunen. Die SPD hat für eine Partei, die nur 25,7% der Wählerstimmen repräsentiert, ganz schön viel durchgesetzt. Trotzdem zögern manche GenossInnen. Insbesondere die Jusos hätten’s lieber rot-rot-grün gehabt. Das beschlossen sie denn auch auf ihrer gestrigen Delegiertenkonferenz. Bundesinnenminister Hans-Peter Friedrich müsste als Kröte bei der großen Koalition mitgeschluckt werden. Aber alles auf einmal kann man nicht haben. Gewinnt die große Koalition die Zustimmung der SPD-Mitglieder und macht sie dann ihre Arbeit gut, profiliert sich Sigmar Gabriel als zielbewusster Macher im neuen Regierungsteam, dann hat Gabriel 2017 sogar die Chance, zu Weihnachten Kanzler zu werden. Aber es wird eben noch vier Jahre dauern, bis er auf dem Wunschzettel stehen kann.

Zu dieser Weihnacht wird Angela Merkel als Bundeskanzlerin wieder, wie schon in den letzten acht Jahren, ihre Weihnachtsrede halten. In Rheinland-Pfalz wird Ministerpräsidentin Malu Dreyer an Silvester auch eine Fernsehansprache halten. Ja, auch der Bundespräsident wird zum Jahreswechsel reden. Während Merkel und Dreyer für ihre eher nüchternen Reden bekannt sind, hört sich der Bundespräsident eher an, als ob er tief beeindruckt sei von dem, was er sagt. Am nervendsten aber sind die vielen Jahresrückblicke in Radio und Fernsehen. Zu einem besonderen Jahresrückblick trifft sich dieses Wochenende in Berlin die Bundes-FDP. Christian Lindner soll es jetzt richten. Schaun wir mal. Zum Schluss noch etwas Tröstliches: In drei Monaten und zwei Wochen ist Frühlingsanfang. Wird ja auch Zeit.

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