Weihnachtskommentar: Der Worte sind viele


von Hans-Peter Terno

Mainz, 25.12.13. Na, wie war Ihr Weihnachtsabend gestern? Gab es Frankfurter Würstchen mit Kartoffelsalat? Haben Sie einen Weihnachtsbaum in der Wohnung oder auf dem Balkon aufgestellt? Mit dem Aufkommen des Teppichbodens wurden die Weihnachtsbäume ja vielerorten in den 70er Jahren auf die Balkone verbannt oder durch abstaubbare Plastikvarianten ersetzt. Es war einfach zu schwer, die Fichtennadeln aus dem Teppichboden zu bekommen. Die Weihnachtsbräuche unterliegen durchaus einer gewissen Pragmatik. Trotzdem tun die Medien so, als ob die Menschen keine Ahnung hätten, wie sie Weihnachten feiern könnten. Kein Sender und keine Zeitung (außer der landeszeitung-rlp), die nicht Tipps veröffentlicht hätten, wie der angeblich programmierte Weihnachtsfamilienstreit vermieden werden kann, wie Hausfrau dekoriert und die Menüs vorbereitet, wie man welche Weihnachtsgeschenke einkauft. Es sind sogenannte Stehtexte, die Jahr für Jahr wiederverwendet werden. So sind sie oft schon angegilbt und gehen nicht auf die zeitbedingten Änderungen ein. Wie ist das zum Beispiel mit der Frage, wie das Verpackungsmaterial der Internet-Versandhändler diskret entsorgt werden kann. Es wäre doch zu peinlich, wenn Tante Minchen das leere Amazon-Päckchen sähe und fragte: „Ei denkt Ihr bei den Weihnachtseinkäufen in der Stadt nur noch an den Glühwein auf dem Weihnachtsmarkt und nicht an mich?“ Gut, manche denken auch an heißen Met, aber eben nicht an Tante Minchen.

Gut denen, deren Eltern nach dem Krieg aus den ehemaligen Ostgebieten kamen und deren Verwandte es nicht so weit schafften. Bis heute habe ich keinen Stress mit Tante Minchen, Onkel Hermann oder den Nichten und Neffen. Mein Weihnachten ist verwandtenlos. Ein Weihnachtsfest im Sinne Kurt Tucholskys: „Fang nie was mit Verwandtschaft an, denn das geht schief…“. Dieser Tage hörte ich einen „fröhlichen Weihnachtsswing“ im Radio, in dem die frohe Botschaft vorkam: „Fröhliche Weihnachtszeit, die Schwiegereltern sind eingeschneit“. Davon ist dieses Jahr aber nur zu träumen. Es ist in diesen Tagen relativ mild. 17 Grad Celsius am Kaiserstuhl, 21 Grad plus auch in New York. Da toben manchmal an Weihnachten Schneestürme. Die sind diesmal in Nord-Ost-Kanada. Stürme tobten auch über Südengland und Nordfrankreich und -spanien. Tote in England, Tote in Nord-Frankreich. Darunter schafft es kein Sturm in die Nachrichten. An die Verkehrstoten am Wochenende hat man sich ja gewöhnt, die stehen im Lokalteil oder kommen in den Regionalnachrichten. Ein Sturmtoter beispielsweise auf den Faröer-Inseln würde es an diesen Tagen auch in die Tagesschau schaffen. Dem SWR fehlten am 24. offenbar Nachrichten, so hat man das zerstörte Polizeirevier in Ägypten mal kurz per Nachrichtentext am Heiligen Abend und nicht, wie tatsächlich geschehen, am Vortag in die Luft gehen lassen.

Eine zuverlässige Nachrichtenkomponente an den Weihnachtstagen ist die Weihnachtsansprache des Bundespräsidenten. Die schiebt sich schon zwei Tage vor Sendung in die Hauptnachrichten. In den 50er Jahren hörte ich als Kind etwa 1955 die Weihnachtsrede des damaligen Bundespräsidenten Theodor Heuss. Der hatte eine so dunkle Stimme, dass ich aufgeregt rief: „Mutti, der Weihnachtsmann!“. An eine bundespräsidiale Weihnachtsrede erinnere ich mich bis heute: Bundespräsident Dr. Dr. Gustav Heinemann hielt sie. Zu jener Zeit war es üblich, dass der Bundespräsident anlässlich dieser Rede auch für die Wohlfahrtsbriefmarken warb. Das waren in jenem Jahr Zinnsoldaten. Pazifist Dr. Dr. Heineamann warnte davor, Kindern diese Briefmarken zu zeigen und empfahl, sie in der Schublade zu verbergen. Kaufen sollte man sie aber trotzdem – wegen des Anteils, der den Wohlfahrtsorganisationen zuging.

Von Wohlfahrtsbriefmarken redet heute zu Weihnachten niemand mehr. Stattdessen besuchen die Offiziellen die deutschen Soldaten in Afghanistan. Diesmal war die neue Bundesverteidigungsministerin Ursula von der Leyen dran. Fast zwei Tage blieb sie, aß und sprach mit den Soldaten und vor allem deren Generälen und Offizieren. Sie versprach, die Soldaten richtig auszurüsten – jetzt, kurz vor dem Abzug?! Merkel, von und zu G. und Thomas de Maizière haben bei solchen Anlässen ja auch immer viel versprochen. So schön gelächelt wie die neue Ministerin haben sie aber nicht. Ja, wenn auch Merkels Haare inzwischen besser sitzen – an die Haare der Frau von der Leyen kommen sie nicht heran. Ob die Verteidigungsministerin eine Neuentwicklung von Drei-Wetter-Taft hat? Vielleicht Drei-Wetter-und-ein-Hubschrauber-Taft? Sturmerprobt. Mal sehen, ob die neue Ministerin auch den anderen Stürmen Widerstand leistet. In diesem Amt hat man mit vielen Stürmen zu rechnen. Da hilft dann auch kein Haarspray. Wo bin ich mit diesem Weihnachtskommentar bloß schon wieder gelandet? Eigentlich wollte ich doch darüber schreiben, wie die arme 7-fache Mutter, die Bundesverteidigungsministerin, trotz Dienstreise ihr Weihnachtsfest vorbereitet. Man soll sie ja gesehen haben, wie sie ihrem Hausmädchen Festanweisungen zutwitterte. Ja, wenn man die Mutter einer ganzen Armee ist, müssen zu Hause andere ran. Genug gelästert. Die arme Frau ist ja erst kurz im Amt. Immerhin, als Verteidigungsministerin kann sie nicht das Blindengeld streichen, wie seinerzeit in Niedersachsen, als sie Arbeits- und Sozialministerin war. Vielleicht erinnert sie jetzt ein Kriegsblinder daran, wie ungerecht das war.

Apropos Gerechtigkeit: die Rede des Bundespräsidenten. Wir sollen unsere Herzen den Asylsuchenden öffnen, auch wenn wir nicht alle ins Land lassen können. Der Flutopfer vom Sommer sollen wir auch gedenken und die Ehrenamtler ehren. Eine Rede mit Einschränkungen. Aber, von Sonntagsreden haben die Flüchtlinge nichts. Die brauchen alltägliches Handeln. Es geht nach dem Prinzip Ursache und Wirkung. Wir haben die Dritte Welt so ausgebeutet, dass nicht mehr genug Freiheit, Menschenwürde, Frieden und Essen für die Menschen dort übrig sind. Deshalb wollen sie da hin, wo es diese Güter im Überfluss gibt. Sie ahnen ja nicht, dass an den virtuellen Grenzen der Europäischen Union das virtuelle Schild hängt: „Wir geben nichts, wir nehmen nur“. Gut, die Menschen in Europa, insbesondere die Deutschen, spenden gerne für die Opfer von Naturkatastrophen, Kriegen und Unterdrückung. Almosen werden gegeben. Aber die Türen zu Europa bleiben den meisten verschlossen. Beherzter, Herr Bundespräsident, hätte Ihre Rede schon sein können. Beherzter auch Ihr Handeln. Wie wäre es denn, wenn Ihre nächste Weihnachtsrede einmal ganz anders verliefe? Eine Diskussion mit der Bundeskanzlerin, dem Innenminister, der UN-Flüchtlingskommissarin und Pro Asyl zusammen mit einem konkretes Handeln fordernden Bundespräsidenten? Das wäre mal ein Weihnachtsgeschenk. Aber so sind der Gesten und der Worte viele. Der Präses der evangelischen Kirche Schneider bklagte am Weihnachtsabend, dass Europa zu einer Festung ausgebaut würde, der Papst wird ähnliches sagen.

Ewig aber kann sich Europa nicht abschotten. Auch die Berliner Mauer, der alle ein langes Leben voraussagten, fiel nach noch nicht mal 30 Jahren. Gegen die Macht der Verhältnisse hilft auf die Sicht weder Beton noch Stacheldraht. Das erleben ja auch immer wieder die Bewohner der spanischen Enklaven Ceuta und Mellila. Sie sind ausgeklügelter eingemauert als seinerzeit die DDR. Trotzdem werden die Mauern überwunden, kommen die Asylsuchenden des Nachts aus dem benachbarten Marroko geschwommen. Die Urlauberstrände auf den Kanaren sind gerade im Winter Anlaufpunkte von Flüchtlingsboten aus Westafrika. In der Straße von Gibralta, vor Malta und der Insel Lampedusa ertrinken Jahr für Jahr Hunderte. Sie wissen um das Risiko, nehmen den möglichen Tod aber in Kauf, weil sie keine andere Möglichkeiten sehen. Da reicht es nicht, dass die Menschen ihre Herzen öffnen, Herr Gauck; der Staat, die Europäische Union müssen ihre Politik ändern. Europa braucht keine Weihnachtsworte, die im Alltag verstieben, Europa braucht konkretes Handeln. Sofort und mittelfristig. So unschuldig ist der drittgrößte Waffenexporteur der Welt, die Bundesrepublik, an der ganzen Situation auch nicht. Wir liefern Waffen an Katar und Saudi Arabien. Beide Staaten unterstützen islamistische Milizen im inner-syrischen Krieg – aber wir nehmen nur 10.000 Flüchtlinge von den Mehrmillionen Flüchtlingen aus Syrien auf. Unbedingt notwendig ist ein komplettes Waffenembargo für die gesamte Region. Notwendig sind Lösungen für die entwurzelten Menschen der Region, beispielsweise durch ein Zuwanderungskonzept.

So, und jetzt ran an die Gans, oder was Sie immer heute essen. Und schöne Weihnachten trotzdem. Feiern Sie jetzt und fordern Sie im kommenden Jahr Menschenrechte auch für Asylsuchende von den handelnden Politikern. Denken Sie daran: nächstes Jahr sind Europawahlen. Wann, wenn nicht jetzt gibt es eine Chance, die europäische Asylpolitik zu ändern?

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