Sonntagskommentar: Europas Puls schlägt

von Hans-Peter Terno

Mainz, 16.04.17. Letzte Woche noch gab es ein weiteres terroristisches
LKW-Attentat. Diesmal in der schwedischen Hauptstadt Stockholm.
Diese Woche dann ein mysteriöses Bombenattentat auf den Mannschaftsbus
vom Fußballclub Dortmund auf dem Weg ins Dortmunder Stadion zum
Champions-League-Spiel gegen AS Monaco. Der Schreck bei den Spielern saß
tief, auch wenn nur ein einziger Fußballer und ein Begleitpolizist der
Dortmunder verletzt wurden. Ein Glück angesichts der Sprengkraft der für
das Attentat verwendeten Bomben, die mit Eisenteilen gefüllt waren.

Die Bomben explodierten in einem Gebüsch am Weg des Busses. In diesem
Gebüsch wurden Bekennerbriefe vorgeblich des IS gefunden. Die Echtheit
der Bekennerschreiben wird inzwischen von hinzugezogenen
Wissenschaftlern angezweifelt. Es fehlen IS-typische Merkmale. Auch
verteilte der IS bisher keine Bekennerschreiben am Tatort, sondern gab
seine Autorenschaft der Attentate per Internet bekannt. Dabei schmückte
sich der IS oft auch mit fremden Federn.

Die ersten Meldungen: „Bombenattentat vom IS gegen Dortmunder Fußballclub“
waren von einer so prägnanten Eindeutigkeit, dass die absolute mediale
Aufmerksamkeit gesichert war. Einige Federn können sich die oder der
Attentäter an den Hut stecken: Brennpunktsendungen in den öffentlich-rechtlichen
Rundfunk- und Fernsehsendern, Top-Schlagzeilen in „Bild“ und anderen Boulevard-
Blättern, beherrschendes Thema in allen Talk-Shows.

Die UEFA setzte das Spiel gegen den AS Monaco am geplanten Abend ab, es
wurde am Folgetag angepfiffen. Trainer und Fußballer von Dortmund fanden diese
Besinnungspause zu kurz und schoben ihr den Verlust des Spiels gegen den AS
Monaco zu. Der am gleichen Abend gegen Real Madrid spielende FC Bayern verlor
ebenfalls, obwohl niemand ein Attentat gegen seinen Mannschaftsbus ausführte.
Gestern übrigens besiegte Dortmund Frankfurt in der Bundesliga.

Ein wenig verwunderlich ist es aber schon, dass das Attentat die Dortmunder, derzeit
Platz 4 der Bundesliga, und nicht die Bayern, derzeit unangefochten auf dem ersten
Platz in der Bundesliga, traf. Eine neue Variante terroristischer Attentatsziele hat sich
jedenfalls aufgetan. Es sind häufig Massenveranstaltungen um teuer bezahlte
Sportstars. Herz und Schmerz, der Stoff, der sich am besten verkauft, speist ja auch
die Massensportveranstaltungen. Es müssen aber die ganz großen und berühmten
Vereine sein, damit ein Maximum an Menschen erreicht werden, die dann in
Unsicherheit verfallen.

Die Sorge des SWR-Regionalstudios in Mainz, ein solches Attentat könne auch den
Team-Bus des abstiegsgefährdeten FSV Mainz 05 treffen, ist allerdings mehr als
unbegründet und nur einem Aufmerksamkeit heischenden Lokalpatriotismus geschuldet.

Was bezwecken die Attentäter? Der Hauptzweck eines Attentates ist, Angst und
Schrecken zu erzeugen. Deshalb gab es die meisten Attentate des IS in Syrien, dem
Irak und Afghanistan, jenen Staaten, in denen der IS danach strebt, durch ein eigenes
Kalifat staatliche Gewalt auszuüben. Die Strategie funktionierte anfangs. Wenn sich
eroberungsbereite IS-Truppem mit ihren Picks Ups, auf denen Maschinenpistolen
montiert waren, den Armeestellungen der betroffenen Gebiete näherten, flohen die
Soldaten Hals über Kopf, ohne die geringsten Verteidigungsbemühungen zu unternehmen.

Unter der Vielzahl der Attentate sind die Menschen allmählich abgestumpft. Der IS hat
in der arabischen Welt einen Teil seines Schreckens verloren, besser ausgebildete Soldaten
und Bürgerwehren machen sich an die Rückeroberung der betroffenen Gebiete.
Zwischendrin haut dann noch der amerikanische Präsident ein paar Raketen oder seine
Superbombe rein. Letztere Militäraktionen erschrecken die westlichen Staaten, wissen sie
doch aus der Zeit des Kalten Krieges um die Instabilität des sogenannten „Gleichgewichts
des Schreckens“. Beispielsweise in Nordkorea. Da ist die neue Atommacht Nordkorea.
Diese ist allerdings umrundet von den größeren Atommächten Russland, China und den USA.

Zurück nach Europa. Der Versuch des IS, durch Attentate soviel Angst und Schrecken
auszulösen, dass die den IS in der arabischen Welt bekämpfenden westlichen Staaten sich
zurückziehen und die Region sich selbst überlassen, ist zum Scheitern verurteilt.
Die Attentate führen eher dazu, dass sich die Bürger umso fester hinter ihre jeweiligen
Regierungen stellen und deren Vorgehen rückhaltlos unterstützen.
Auch in Europa hat die IS-Attentatsserie eine vom IS unbeabsichtigte Wirkung. Es ist in
Deutschland zu bemerken, dass der Zuspruch zu den rechten Bewegungen verblasst.
Seien sie außerparlamentarisch wie PEGIDA oder parlamentarisch, wie die AfD.

Stattdessen macht sich eine neue Bewegung breit: Puls of Europe. Eine von zwei
Frankfurter Juristen ins Leben gerufene Bürgerbewegung, die sich für ein lebendiges,
gemeinschaftliches und demokratisches Europa ausspricht. „Puls of Europe“ schafft es,
an jedem Wochenende in Dutzenden von Städten Menschen in vielen Ländern auf die
Straßen zu bringen. Menschen, die ein gemeinsames Europa, offene Grenzen, ein
europäisches Parlament wollen. Die neue Bewegung belegt: Viele Bürger Europas sind
weiter als ihre Politiker, die Engstirnigkeit pflegen, insbesondere wenn sie in der rechten
Ecke beheimatet sind.

Auch die Wahlbeteiligung steigt. Es sind beileibe nicht nur die ewig Gestrigen, die
schmollend lange Zeit zu Hause geblieben sind, die nun in die Wahllokale gehen.
Es sind Menschen, die sich einmischen wollen, dafür kämpfen wollen, dass ihre Meinung
Gewicht erhält. Alle Parteien, allen voran die alte Tante SPD, erleben nun, dass sich
Menschen an sie wenden, um beizutreten. So mancher Politiker, der sich an zurückgehende
Mitgliederzahlen gewöhnt hatte, versteht neuerdings die Welt nicht mehr.

Offenbar haben die Menschen erkannt, dass Demokratie kein Konsumgut ist, sondern durch
die Beteiligung ihrer Bürger lebt. So hat sich eine durchaus österliche Stimmung des Aufbruchs
breitgemacht. Hoffen wir, dass sie hält und nicht nur eine kurzlebige Zeiterscheinung ist.

In diesem Sinne, liebe Leserinnen und Leser: Frohe Ostern!

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