In manchen Regionen wird bis zu 13 Mal häufiger operiert als andernorts

Rückenschmerzen: In manchen Regionen wird bis
zu 13-mal häufiger operiert als andernorts

In Deutschland werden Rückenbeschwerden regional sehr unterschiedlich
behandelt.
Der Wohnort der Patienten bestimmt, ob sie ins Krankenhaus kommen,
konservativ behandelt oder operiert werden. Medizinisch sind diese
großen Unterschiede nicht erklärbar.

Gütersloh, 19. Juni 2017. Operative Eingriffe aufgrund von
Rückenbeschwerden nehmen stark zu. Von 2007 bis 2015 stiegen sie um 71
Prozent von 452.000 auf
772.000. Dabei fällt auf, dass bestimmte Rückenoperationen je nach
Wohnort der Patienten unterschiedlich häufig durchgeführt werden. Die
regional sehr
großen Unterschiede haben sich über die Jahre sogar verfestigt. Die
Ergebnisse beruhen auf einem neuen Faktencheck Gesundheit der
Bertelsmann Stiftung,
der die Häufigkeit von drei ausgewählten Rückenoperationen in allen 402
Kreisen und kreisfreien Städten Deutschlands untersucht hat. Betrachtet
wurden
die Häufigkeiten von Versteifungsoperationen (Spondylodesen),
Entfernungen knöcherner Strukturen am Wirbelkanal
(Dekompressionsoperationen) und Bandscheiben-OPs.

Gravierende regionale Unterschiede bei OP-Häufigkeiten
Gravierende regionale Unterschiede zeigen sich bei aufwendigen
Versteifungsoperationen. Bei Patienten im Landkreis Fulda finden 13-mal
so viele Eingriffe statt wie in Frankfurt/Wo wird am häufigsten
operiert). Auffällig hohe Operationszahlen je 100.000 Einwohner weisen viele
Kreise in Thüringen, Hessen und im Saarland auf. Hingegen kommen
Versteifungsoperationen in den meisten sächsischen Kreisen und in Bremen
deutlich seltener
vor. Bei Dekompressionsoperationen am Wirbelkanal wurden ebenfalls
Unterschiede bis zum 13-fachen, bei Bandscheibenoperationen bis zum
6-fachen festgestellt.

Zudem zeigen die Ergebnisse in den „OP-Hochburgen“, dass sich die
Situation in den letzten Jahren zugespitzt hat. So ist in Nord- und
Osthessen sowie im
angrenzenden Westthüringen mittlerweile ein zusammenhängendes Gebiet
entstanden, in dem fast alle Stadt- und Landkreise sehr hohe
Operationsraten aufweisen.
„Es braucht dringend mehr Transparenz über die Gesundheitsversorgung vor
Ort, um Über- oder Unterversorgung zu vermeiden“, sagt Brigitte Mohn,
Vorstand der Bertelsmann Stiftung.

Aufenthalt im Krankenhaus ist häufig vermeidbar
Der Faktencheck hat zudem ermittelt, wie oft Patienten wegen der
‚breiten‘ Diagnose Rückenschmerzen (ICD-M 54) im Krankenhaus aufgenommen
werden. Seit 2007 haben sich die Aufnahmen von 116.000 auf 200.000 im
Jahr 2015 erhöht. Das entspricht einer Steigerung um 73 Prozent. Auch
hier fallen die großen und zunehmenden Unterschiede zwischen den Kreisen
auf: Während beispielsweise in Heidelberg nur 58 oder in Kiel 91 von
100.000 Menschen mit der Diagnose Rückenschmerzen (M54) ins Krankenhaus
kommen, sind es im westfälischen Hamm 815 und in Osterrode am Harz 919.
Bei dieser Diagnose sind Klinikaufenthalte jedoch häufig
vermeidbar. Die Mehrzahl dieser Patienten erhält im Krankenhaus keine
spezifische Schmerztherapie oder operative Eingriffe, sondern
überwiegend lediglich diagnostische Leistungen, beispielsweise ein MRT.
Solche Maßnahmen könnten zumeist auch ambulant erfolgen.

Operieren oder nicht – das hängt auch von den Gewohnheiten der Ärzte ab
Warum die Versorgung in den Regionen so unterschiedlich ist, lässt sich
mit den zur Verfügung stehen Daten nur schwer erklären. Viele Faktoren
spielen zusammen
und das je nach Region unterschiedlich stark. Große regionale
Abweichungen sind jedoch ein Indiz dafür, dass sich die Organisation der
Versorgung und die
Vorgehensweise bei Diagnostik und Therapie von Rückenbeschwerden sehr
stark unterscheiden. „Lokale Versorgungsmuster verstärken sich, wenn
klare medizinische Leitlinien fehlen“, sagt Eckhard Volbracht,
Gesundheitsexperte der Bertelsmann Stiftung. Ohne einheitliche
Leitlinien eröffnen sich Ärzten Behandlungsspielräume, die zu regional
unterschiedlichen Versorgungsgewohnheiten führen können. „Die
Entscheidung für einen operativen Eingriff darf jedoch nicht aufgrund von
individuellen Vorlieben der ortsansässigen Ärzte fallen“, mahnt
Volbracht. Vielmehr sollten Ärzte verständlich über Nutzen und Risiken
von Behandlungen
informieren und unabhängig von finanziellen Interessen gemeinsam mit dem
Patienten über das weitere Vorgehen entscheiden.

Planung und Steuerung am Patientenwohl ausrichten
Bisherige Versuche, die Versorgung bedarfsgerechter zu gestalten,
konnten die erheblichen Anstiege der stationären Aufnahmen und
operativen Eingriffe sowie
die großen regionalen Unterschiede nicht verhindern. Unterschiedliche
Interessen und ungeklärte Zuständigkeiten stehen notwendigen
Verbesserungen oft im Weg. Deshalb braucht es eine effektive Planung und
Steuerung. Wie sich unnötige Krankenhausaufenthalte vermeiden lassen,
macht Schleswig-Holstein vor:
Die flächendeckende Einrichtung von Notfallpraxen hat bewirkt, dass
deutlich weniger Patienten aufgrund der Diagnose Rückenschmerzen als
Notfall stationär
aufgenommen werden.

Die wesentlichen Handlungsempfehlungen der Bertelsmann Stiftung auf
einen Blick:

• Regionale Unterschiede deutlich machen und Transparenz vor Ort herstellen
• Medizinische Leitlinien entwickeln und anwenden
• Patienten umfassend über die Vor- und Nachteile von
Behandlungsalternativen informieren
• Strukturplanung und Finanzierung verbessern

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