Bertelsmannstiftung: Europäer sehen EU in Zeiten der Globalisierung als Schutzschirm


Europäer sehen EU als Schutzschirm in Zeiten der Globalisierung

Mit Globalisierungs- und EU-Kritik mobilisieren rechtskonservative
Parteien europaweit Wählerstimmen. In der Mitte streiten sich die
Parteien hingegen um
die richtigen Reaktionen auf diese Politik der Ablehnung.
Wie die Europäer über die Globalisierung urteilen und welche Rolle die
EU dabei einnehmen sollte, zeigt die aktuelle Ausgabe der eupinions.

Gütersloh, 11. Januar 2018. Für viele Europäer ist eine Politik der
Abschottung und des Nationalismus keine geeignete Antwort auf die
Herausforderungen
der Globalisierung. Denn obwohl fast die Hälfte der Europäer die
Globalisierung als Bedrohung empfindet, sehen die Europäer die EU
mehrheitlich als Teil
der Lösung und nicht des Problems. Dabei erwarten sie, dass sich
europäische Politik vor allem um Fragen der Sicherheit und der Migration
kümmert. Wirtschaftliche Fragen und Fragen der sozialen Gerechtigkeit
spielen – unabhängig von der Landeszugehörigkeit und der Parteiaffinität
– eine geringere Rolle. Auffallend ist: Während eine breite Mehrheit
der Anhänger von Mitte-rechts bis zu Links-Parteien eine vertiefende
europäische Zusammenarbeit unterstützt, bröckelt der EU-Enthusiasmus
teilweise bei Anhängern des bürgerlich-konservativen Lagers (FDP
Deutschland, Les Republicains Frankreich).

„Europa im Jahr 2017 ist parteiübergreifend als Quelle von Stabilität,
Wohlstand und Frieden akzeptiert. Das ist ein Erfolg Europas. Stimmen,
die eine Zukunft
im nationalen Gegeneinander statt internationalem Miteinander
versprechen, müssen wir mit Überzeugung, Fakten und offenen Diskussionen
begegnen. Dafür
ist auch politische Führungsstärke gefragt“, kommentiert Aart De Geus,
Vorstandsvorsitzender der Bertelsmann Stiftung die Ergebnisse.

Mit dem Umfrageinstrument eupinions befragt die Bertelsmann Stiftung
regelmäßig Bürger in der gesamten Europäischen Union zu politischen und
gesellschaftlichen Themen. Für die aktuelle Umfrage wurden über 10.000
Europäer zur Globalisierung und der Rolle der EU interviewt. Die
Ergebnisse sind repräsentativ für die EU insgesamt sowie für die fünf
größten Mitgliedsstaaten: Deutschland, Frankreich, Italien, Polen und
Spanien.

Ob für oder gegen Globalisierung: Eine Mehrheit sieht Europa als Teil
der Lösung
Hinsichtlich der Einstellungen zur Globalisierung klafft zwischen der
allgemeinen und der persönlichen Wahrnehmung der Europäer eine Lücke.
Während fast
die Hälfte (44 Prozent) der EU-Bürger die Globalisierung als Bedrohung
empfindet, geben sie gleichzeitig mehrheitlich an, hinsichtlich der
Verfügbarkeit
preiswerter Waren und Dienstleistungen persönlich „eher gute“ oder
„gute“ Erfahrungen mit der Globalisierung gemacht zu haben (66 Prozent).
Die Einstellungen zur internationalen Verflechtung wirken sich auch auf
die Sichtweisen zur EU aus. Jene Europäer, die die Globalisierung als
Chance wahrnehmen (56 Prozent), sind EU-freundlicher und wünschen sich
mit absoluter Mehrheit (64 Prozent) mehr EU-Integration. Auf der anderen
Seite ist die Gruppe der EU-Unterstützer unter denjenigen, die die
Globalisierung als Bedrohung empfinden (44 Prozent) immer noch in der
Mehrheit, aber nicht ganz so deutlich. Unter diesen
Globalisierungsskeptikern
wünschen sich 45 Prozent mehr und 41 Prozent weniger EU-Integration.

Hinsichtlich der Rolle der Europäischen Union zeigt sich europaweit ein
klarer Trend: „Wenn es um Gestaltung globaler politischer
Herausforderungen und
Steuerung internationaler Prozesse wie der Globalisierung geht, sieht
eine deutliche Mehrheit der Bürger die Europäische Integration als Teil
der Lösung“,
so Isabell Hoffmann, Studienautorin und Europaexpertin der Bertelsmann
Stiftung. Auch wenn die Menschen vielfältige Parteipräferenzen und
Haltungen gegenüber der Globalisierung haben, stehen sie einer
Weiterentwicklung der EU aufgeschlossen gegenüber. Nur die Wähler
rechter und rechtspopulistischer Parteien setzen sich von diesem Bild
ab. Sie lehnen jede Art der politischen und wirtschaftlichen Öffnung ab:
Sowohl die Globalisierung als auch die EU.

Europaweiter Riss zwischen den Rechtsaußen und allen anderen Parteien
In Deutschland sind die EU-Unterstützer über die meisten Parteigrenzen
hinweg fast überall klar in der Mehrheit. Allerdings fällt auf, dass die
Anhänger
der FDP europapolitisch nach rechts gerückt sind: Die meisten
Befürworter einer stärkeren EU-Integration finden sich unter den
SPD-Anhängern (66 Prozent),
gefolgt von den Grünen (65 Prozent), der CDU/CSU (63 Prozent) und der
Linken (62 Prozent). Bei der FDP scheint das Europa-Bekenntnis dagegen
zu wackeln:
(49 Prozent) ihrer Anhänger sind für mehr europäische Integration. Das
ist der schlechteste Wert nach der AfD, bei deren Anhängern sich eine
Mehrheit gegen
mehr Integration ausspricht (59 Prozent).

In den anderen EU-Staaten zeichnet sich ein ähnliches Bild: In
Frankreich sind allein die Anhänger des rechtskonservativen Front
National (64 Prozent) gegen
mehr EU-Integration. In Polen sind deutlich EU-ablehnende Sichtweisen
nur bei der rechtsnationalen Partei Kukiz’15 (54 Prozent) in der
Mehrheit. In Spanien
hingegen hat die EU quer durch alle Parteilager einen ausgezeichneten
Ruf: Der niedrigste Zustimmungswert findet sich bei den spanischen
Sozialisten: Hier
wünschen sich aber immer noch 71 Prozent der Anhänger mehr EU-Integration.

„Viele Unterstützer linker Parteien sehen die Globalisierung als Bedrohung,
unterstützen aber eine Weiterentwicklung der EU. Für die Rechten ist
Europa hingegen nicht Teil der Lösung, sondern das Problem. Deshalb
lehnen sie europaweit konsequent eine verstärkte Integration ab“, so
Isabell Hoffmann.

Terrorismus und Migration sind für Europäer die drängendsten Probleme
Befragt nach den größten Herausforderungen für Europas Zukunft, zeigt
sich unter den Europäern ein klares Bild: Terrorismus und internationale
Migration,
sind für die Befragten die größten Baustellen. Ein Viertel der Europäer
gibt an, dass der Kampf gegen den Terrorismus die größte Priorität der
EU haben
sollte. Noch jeder Fünfte gibt als wichtigste Aufgabe die bessere
Steuerung von Migration an. Wachstum (6 Prozent) oder Ungleichheit (6
Prozent) stehen
für die Europäer hingegen nicht ganz oben auf der To-do-Liste.

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