Sonntagskommentar: Tag des Gedenkens an die Opfer des Nationalsozialismus

von Hans-Peter Terno

Mainz, 28.01.18. Am 27. Januar 1945 wurde das KZ Auschwitz-Birkenau befreit.
Diese Befreiung ist besonders in Erinnerung geblieben, handelte es sich doch um
das größte und schrecklichste der KZs, die für die „Endlösung“ der Judenfrage
errichtet wurden und in denen auch alle „andersartigen“ Menschen, derer die Nazis
habhaft wurden, der industriellen Tötungsmaschinerie zum Opfer fielen.

Die Deutschen haben es offenbar mit industriellen Lösungen, das zeigt sich auch
heute in der Massentierhaltung, die für die betroffenen Tiere besonders grausam
und tödlich ist.

Für Nachkriegsmenschen ist es unfassbar, dass ein Regime wie das Hitler-Regime
möglich war. Dieses Regime überzog ganz Europa mit Krieg. Gleichzeitig mit der
einmarschierenden deutschen Armee marschierten die Truppen der Gestapo ein,
um die Juden in diesen Ländern zu fangen und sie den Vernichtungslagern zuzuführen.
Frauen, Kinder, Alte und Kranke wurden sofort getötet; arbeitsfähige, kräftige Männer
wurden zuvor noch für die Zwangsarbeit verwendet. Da arbeiteten sie bis zum Umfallen
beispielsweise in unterschiedlichen unterirdischen Stollen, in denen Rüstungsfabriken
untergebracht waren. Im Harz beispielsweise die V2-Produktion, für die auch Stollen
an den Küsten genutzt wurden.

Diese Zwangsarbeiter mussten hungern und auch nachts zum Schlafen in den
unterirdischen Stollen bleiben. Es ist unfassbar, welche perversen Praktiken zur
Vernichtung der Gefangenen in diesen Einrichtungen praktiziert wurden.

Auch in Rheinland-Pfalz gab es zwei kleinere KZs, Osthofen und das SS-Sonderlager
KZ Hinzert bei Trier. Nicht alle kamen in KZs. Behinderte und kranke Menschen wurden
häufig direkt in den Einrichtungen, in denen sie leben mussten, getötet. Ein Großteil
dieser Einrichtungen besteht noch heute, es handelt sich vor allem um Landesnervenkliniken.
Dort können dann Interessierte die meist in Kellern untergebrachten Tötungseinrichtungen
besichtigen.

In den 50er Jahren wurde uns Kindern noch erzählt, dass die Erwachsenen damals
gar nicht gewusst hätten, was mit den verfolgten Menschen passierte. Man habe gedacht,
sie seien umgesiedelt worden. So genau wollten es die Menschen, die sich beispielsweise
bei Versteigerungen mit jüdischem Hausrat oder wertvoller Kleidung wie Pelzen eindeckten,
ja auch nicht wissen. So konnte man noch Jahrzehnte nach der Nazi-Barbarei Pelzmäntel
entdecken, in denen noch die Namen der ehemaligen jüdischen Besitzer/innen eingenäht
waren.

Als das NS-Regime 1940/41 begann, Juden massenweise in die KZs zu deportieren,
geschah dies des Nachts in Bahn-Güterwagen. Zuvor mussten die Deportierten bereits
ihre Wohnungen verlassen und wurden in Kellern in relativer Bahnhofsnähe interniert.
Wenn die entsprechenden Güterwagen eingetroffen waren, mussten die Internierten
zu Fuß zu den Verladestationen an den Bahnhöfen marschieren. Es war tatsächlich
unmöglich, dass niemand gemerkt hatte, was da passierte. Während des NS-Regimes
wäre es gefährlich gewesen, darüber zu sprechen, danach wollte niemand Schuld tragen.
Als Kind fragte ich mich oft, wer denn die Nazis gewählt hatte – es wollte niemand gewesen
sein.

Bei den Auschwitz-Prozessen und den hessischen Gerichtsverhandlungen über
nationalsozialistisches Unrecht unter dem Ankläger Generalstaatsanwalt Bauer kamen
die ersten schweren Straftaten ans Licht. Einen ersten großen Aufklärungsschub brachten
die Studentenunruhen im Rahmen der 1968er Bewegung. Die Eltern, Lehrer, Professoren
wurden befragt, was sie im Nationalsozialismus getan hatten, Unternehmer wurden befragt,
woher sie ihr Unternehmen hatten, durch Arisierung oder durch Erbschaft oder eigener
Hände Arbeit.

Je mehr Täter wegstarben, desto leichter fiel die Aufklärung über die nationalsozialistischen
Verbrechen. Zu den verdienstvollen Aktionen gehört die Verlegung der Stolpersteine.
In vielen deutschen Städten und Gemeinden werden die Stolpersteine inzwischen vor den
ehemaligen Häusern verlegt, in denen deportierte Menschen gelebt hatten. Wer mit offenen
Augen durch eine solche Innenstadt geht, erfährt den Umfang der Verbrechen. Menschen,
die seit hunderten Jahren in der Nachbarschaft lebten, wurden Opfer eines neuzeitlichen
Verbrechens, das an mittelalterliche Pogrome gemahnt.

Mainz, Speyer und Worms waren im Mittelalter bedeutende Stätten jüdischen Kulturlebens
am Rhein. Ein „zweites Jerusalem“, in dem sich die jüdische Religion und Kultur fortentwickelte.
Die sogenannten SchUM-Städte bewahren wenige steinerne Erben jener Zeit, jedoch gewaltige
schriftliche Zeugen in den Bibliotheken. Dort wurde wie im mittelalterlichen Spanien der Beweis
gelebt, dass ein Miteinander der Religionen und Kulturen allemal fruchtbarer ist als starrer
Dogmatismus und Rechthaberei. Mit dem Wort statt mit dem Schwert fechten, bewirkt eine
fruchtbare geistige Auseinandersetzung.

Das Gedenken an die nationalsozialistischen Verbrechen sollte uns bescheiden machen in
unseren Urteilen über andere Völker und Kulturen. Deutschland, das Land der Dichter und
Denker, war eben auch ein Land der Massenmörder. Der Gedenktag an die Verbrechen des
Nationalsozialismus und seine Opfer sollte uns zum Innehalten bewegen.

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