Viele Familien ärmer als gedacht


Viele Familien ärmer als bislang gedacht

Familien mit geringem Einkommen sind in den letzten 25 Jahren weiter
abgehängt worden. Mit einer neuen Methodik haben Forscher im Auftrag der
Bertelsmann Stiftung festgestellt,
dass vor allem arme Familien bisher reicher gerechnet wurden als sie
tatsächlich sind. Politisch gilt es nun, ein größeres Gewicht auf die
Bekämpfung von
Armut zu legen.

Gütersloh, 07.02.2018. Die Einkommenssituation von vielen Familien und
insbesondere Alleinerziehenden ist schlechter als bislang gedacht. In
einer Studie im Auftrag der Bertelsmann Stiftung haben Forscher der
Ruhr-Universität Bochum jetzt erstmals für Deutschland ermittelt, welche
zusätzlichen Kosten durch Kinder je nach Familientyp und
Einkommensniveau entstehen. Dabei wird klar: je geringer das
Familieneinkommen ist, desto schwerer wiegt die finanzielle
Belastung durch jedes weitere Haushaltsmitglied.

Um die Einkommenssituation von verschiedenen Familientypen vergleichen
zu können, wurden bisher die zusätzlichen Ausgaben für Kinder gemäß der
OECD-Skala pauschal mit sogenannten Äquivalenzgewichten geschätzt.
Bezugsgröße dabei sind die Ausgaben für einen alleinlebenden
Erwachsenen. Ein zusätzliches Kind
unter 14 Jahren erhält ein Gewicht von 0,3, eine zusätzliche Person über
14 Jahren von 0,5. Die jetzt vorliegenden Ergebnisse machen jedoch
deutlich, dass
starre Skalen nicht angemessen sind. In der Studie wurden deswegen
einkommensabhängige Äquivalenzgewichte berechnet, die einen
realistischeren Blick auf
die Einkommenssituation von Familien ermöglichen. Sie zeigen, dass die
Anwendung der OECD-Skala die Einkommen armer Haushalte systematisch
über- und jene
reicher Haushalte unterschätzt. Denn für ärmere Familien ist die
finanzielle Belastung durch Kinder im Verhältnis größer als für
wohlhabende Familien.
Für Jörg Dräger, Vorstand der Bertelsmann Stiftung, ist deshalb klar:
„Wir können Armut nur erfolgreich bekämpfen, wenn wir sie realistisch
betrachten
können.“
Kinderlose sind im Durchschnitt besser gestellt als Familien
Die Untersuchung zeigt ebenfalls, dass von 1992 bis 2015 Paare mit
Kindern oder Alleinerziehende im Durchschnitt finanziell stets
schlechter gestellt waren
als kinderlose Paare. „Mit jedem zusätzlichen Kind wird die finanzielle
Lage von Familien schwieriger. Kinder sind leider ein Armutsrisiko in
Deutschland“,
so Dräger. Zudem ist die Einkommensschere zwischen wohlhabenden und
armen Familien in diesem Zeitraum weiter aufgegangen. Seit den 90er
Jahren ist es nur
jenen Familien gelungen, ihre Einkommenssituation zu halten oder zu
verbessern, die ihren Erwerbsumfang ausweiten konnten – in der Regel
durch eine umfänglichere Erwerbstätigkeit von Frauen. Entscheidend
hierfür war der Ausbau der Kindertagesbetreuung. Kindergelderhöhungen
hingegen haben die Einkommenssituation von Familien mit Kindern nicht
nachhaltig verbessert. Diese Ergebnisse bestätigen frühere
Untersuchungen, allerdings sind die Effekte – gemessen mit der
neuen Methode – stärker als bislang gedacht. Darüber hinaus ergeben sich
im Detail relevante Unterschiede.

Familien stärker von Armut betroffen als gedacht
So zeigt sich, dass die Armutsrisikoquote von Paarfamilien nach der
neuen Berechnung knapp drei Prozentpunkte über den bisher ermittelten
Werten liegt:
nach neuer Berechnung sind 13 Prozent der Paare mit einem Kind
armutsgefährdet, 16 Prozent jener mit zwei und 18 Prozent solcher mit
drei Kindern. Besonders
drastisch ist die Situation für Alleinerziehende. Lag deren
Armutsrisikoquote nach früheren Berechnungen bei 46 Prozent – und damit
schon sehr hoch –,
sind es auf Basis der neuen Methode 68 Prozent. Gerade bei
Alleinerziehenden führt die Anwendung der starren,
einkommensunabhängigen OECD-Skala dazu, dass die zusätzlichen Ausgaben
für ein Kind im Haushalt deutlich unterschätzt werden. Während
beispielsweise ein Haushalt mit zwei Erwachsenen mit einem Schlaf- und
einem Wohnzimmer auskommen kann, brauchen Alleinerziehende zusätzlich
ein Kinderzimmer. Zudem fallen bei niedrigeren Einkommen die
kinderspezifischen Ausgaben (etwa für Windeln, Schulsachen, neue und
passende Kleidung) besonders ins Gewicht. Gleichzeitig ist es für
Alleinerziehende aufgrund der aufwändigeren
Betreuung und Fürsorge für die Kinder besonders schwer, ihren
Erwerbsumfang zu vergrößern. Vergleichbar ist die Situation für
kinderreiche Familien. Dräger
fasst zusammen: „Von Armut sind vor allem die Familien betroffen, die
ihre Erwerbstätigkeit aufgrund besonders großer Betreuungsverantwortung
nicht steigern konnten.“

Armutsbekämpfung in den Mittelpunkt der Familienpolitik stellen
Politisch sollte deshalb ein größeres Gewicht auf die Bekämpfung von
Armut gelegt werden. „Vor allem Alleinerziehende brauchen stärkere
Unterstützung“,
so Dräger. Zudem gilt es, die staatliche Existenzsicherung für Kinder
neu aufzustellen. Dabei, so Dräger, sollte sich der Staat konsequent an
den Bedürfnissen
von Kindern orientieren. „Mit einem Teilhabegeld als neue
familienpolitische Maßnahme können wir das Kindergeld, die
SGB II-Regelsätze für Kinder und Jugendliche,
den Kinderzuschlag und den größten Teil des Bildungs- und Teilhabepakets
bündeln.“ Dieses neue Instrument soll gezielt arme Kinder und
Jugendliche erreichen
und mit steigendem Einkommen der Eltern abgeschmolzen werden. Darüber
hinaus brauchen Kinder und Eltern in ihrer Umgebung gute Bildungs- und
Freizeitangebote
sowie eine passgenaue, unbürokratische Unterstützung. Zudem sollten die
neuen methodischen Erkenntnisse dieser Studie in der Armuts- und
Sozialberichterstattung
der Bundesregierung berücksichtigt werden, damit die bisherigen
Verzerrungen aufgrund der OECD-Skala zukünftig nicht weiter auftreten.
„Ansonsten“, so
Dräger, „verlieren wir genau die aus dem Blick, die am meisten auf
Unterstützung angewiesen sind.“

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